Buchrezension: Horsemanship Training

Die Autorin Kerstin Diacont arbeitet bereits seit mehr als 25 Jahren mit einem ganzheitlichen Ausbildungskonzept von Pferd und Reiter. Dabei greift sie auf ihr umfassendes und vor allem reitweisenübergreifendes Wissen zurück. Besonders bekannt ist auch ihre 3 teilige Videoserie zum Thema „Reiten lernen“.  In ihrem neuesten Buch: Horsemanship-Training (Die Reitschule) vor geht es vor allem um eine feine und aufmerksame Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Die vorgestellten Übungen aus dem Bereich des Natural Horsemanship (NHS) stellen dabei die Basis für ein erfolgreiches Pferdetraining, vom Boden und Sattel aus, dar.


Das handliche Taschenbuch mit Softcover-Einband gehört zur Müller Rüschlikon Serie: Die Reitschule und umfasst 94 Seiten. Dabei ist es ansprechend bebildert und sehr übersichtlich in 4 zentrale Kapitel untergliedert. Im 1. Kapitel werden einige Grundlagen zum Verständnis des NHS-Prinzips und die damit verbundene Denkweise erläutert. Anschließend wird die notwendige Ausrüstung betrachtet. Im 3. Kapitel geht die Autorin nochmal ausführlich auf die unterschiedlichen Lernschwerpunkte getrennt zwischen Mensch und Pferd ein. Das letze Kapitel stellt die konkreten Übungen vor und macht den größten Teil es Buches (ca 56 Seiten) aus.

Kapitel 1: Grundsätzliches

Zunächst erläutert die Autorin einige Aspekte zum Grundverständnis der Denkweise des Horsemanship. Dabei wird vor allem die zentrale Rolle der erfolgreichen Kommunikation erläutert.

„Gute Kommunikation bedeutet auch nicht, dass einer immer nur zuhört (empfängt) und der andere immer nur redet (sendet). Stattdessen ist wechselseitiges Zuhören gefragt, dazu Konzentration, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sowie gegenseitiger Respekt.“ (Diacont, 2016, S. 5)

Viele Probleme in der Ausbildung von Mensch und Pferd resultieren aus kommunikativen Missverständnissen.

„Wie schon im zwischenmenschlichen Bereich kommt es zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten, die im Allgemeinen dem Pferd als Ungehorsam oder Aufsässigkeit ausgelegt werden. Oft sind es jedoch nur unklare Signale oder inkonsequentes Verhalten des Menschen, die dazu führen, dass das Pferd das Vertrauen in die >>Führungskompetenz<< des Reiters verliert und selbst entscheidet, was zu tun ist.“ (Diacont, 2016, S. 5)

Kerstin Diacont erklärt in diesem Kapitel zudem ausführlich, wie wichtig die mentale Ebene bei der Arbeit mit Pferden ist. Gedanken oder eine negative Grundeinstellung können bereits falsche Signale an das Pferd senden. So können sich beispielsweise Gefühle wie Angst direkt auf das Pferd übertragen. Die regelmäßige Arbeit vom Boden aus schafft somit eine feste Basis der Kommunikation.

“ Mensch und Pferd finden ohne Stress eine gemeinsame Basis der Verständigung und lernen die jeweilige Sprache des anderen besser kennen.“ (Diacont, 2016, S. 6)

Sehr lobenswert ist die allgemein positive Grundeinstellung des gesamten Buches. Das Pferd wird hier keinesfalls als untergeordnet angesehen, das den „Befehlen“ folgen muss. Es wird hier vielmehr ein Weg aufgezeigt, der durch Hartnäckigkeit, Geduld und Verständnis trotzdem zum Ziel führt. Mein absolutes Lieblingszitat in diesem Zusammenhang ist:

„Eine strenge Erziehung bedeutet nun auf keinen Fall Brutalität gegenüber dem Pferd, sondern immer nur ruhige, beherrschte Unnachgibigkeit, eine Art von lächelnder Sturheit seitens des Menschen nach dem Motto: >>Lass dir Zeit, soviel du willst – am Ende machst du doch das, was du sollst.<<“ (Diacont, 2016, S. 17).

Sehr ausführlich wird die Thematik des Strafens behandelt. Es werden verschiedene Stufen von der Ermahnung bis zu Maßregelung vorgestellt. Wichtig hierbei auch die Emotionslosigkeit (s. 17) und das antrainieren der richtigen Reflexe (S. 18) um schnell zu reagieren. Sehr schön finde ich auch das Zitat:

„Ein Pferd kann man nicht antiautoritär erziehen – das entspricht nicht seiner Natur.“ (Diacont, 2016, S. 19)

Dabei geht es keinesfalls darum, stehts und ständig Strafen anzuwenden. Die Autorin weist lediglich daraufhin, dass man dem Pferd keinen Gefallen tut, indem man rücksichtsloses Verhalten, welcher Art auch immer, durchgehen lässt. Vielmehr fühlt sich ein Pferd dann sicher, wenn ihm faire und vor allem kontinuierliche Grenzen gesetzt werden. Nur dann kann es dem Menschen voll und ganz Vertrauen. Das gelingt jedoch nur, wenn im richtigen Moment auch mal gemaßregelt wird – denn ein Pferd, dass Sie nicht kontrollieren können – wird zu einer Gefahr für Sie und Ihre Umwelt.

Kapitel 2: Ausrüstung

In diesem Kapitel wird das Rad natürlich nicht neu erfunden. Empfohlen wird für die Arbeit nach NHS ein Knotenhalfter, ein Führstrick (3,5 m), wahlweise ein Sidepull oder ein Kappzaum,  und eine Longe. Die Autorin geht hier sowohl kurz auf den korrekten Sitz, als auch auf die Wirkungsweise ein. Allerdings ist dieser Abschnitt wirklich sehr kurz. Wer sich tiefer damit beschäftigen möchte, sollte sich weitergehend über die jeweilige Zäumung informieren, Das kann vor allem beim Knotenhalfter notwendig sein, um den korrekten Sitz richtig einzuschätzen.

Kapitel 3: Was Mensch und Pferd lernen sollen

Ein sehr schönes Kapitel, dass unterteilt in Mensch und Pferd die jeweiligen Trainingsschwerpunkte erklärt. Dabei ist vor allem der 1. Teil interessant, bei dem es um die notwendigen Qualifikationen des Menschen geht. Es werden sowohl mentale Fähigkeiten, als auch körperliche vorgestellt. Führungsqualitäten, Körperbeherrschung, sowie Kenntnisse „über Anatomie, Psychologie und Kommunikationsmechanismen bei Mensch und Pferd“ (Diacont, 2016, S. 33) sind hierbei die wichtigen Stichworte.

Kapitel 4: Übungsteil

Dieses Kapitel startet zunächst mit einigen wichtigen Grundlagen im Bezug auf die eigene Körperbeherrschung. Verdeutlicht werden diese durch Trockenübungen mit anderen Menschen.

„Üben Sie >>Führen und Folgen<< mit einem Partner; führen Sie selbst und lassen Sie sich führen – mit Körperkontakt (direkt und über eine simulierte Zügelverbindung mit einem Seil) un ohne, nur mit Augenkontakt“ (Diacont, 2016, S. 46)

Anschließend werden die Grundlagen nach Moto „wer bewegt wen erläutert. Dabei hat das Pferd 6 Möglichkeiten sich zu bewegen:

„nach vorne, nach hinten, zur Seite (rechts oder links), nach oben, nach unten“ (Diacont, 2016, S. 54)

Anschließend werden verschiedenste Übungen vorgestellt, die es dem Mensch ermöglichen das Pferd punktgenau zu koordinieren und einzelne Körperpartien in die 6 möglichen Richtungen zu bewegen. Der nachfolgende Abschnitt Longenarbeit leitet das Thema Gymnastizierung ein. Jetzt geht es nicht mehr nur darum, das Pferd zu bewegen, sondern wie es sich bewegt. Es werden Übungen vorgestellt, die eine gesundheitserhaltende Wirkung auf den Körper des Pferdes haben.

Im Anschluss werden die Übungen noch durch Trail und Hindernisarbeit aufgelockert. Der Abschnitt zum Thema Verladen stellt einfallsreiche Übungen vor, die eines der häufigsten Probleme zu bewältigen helfen.

Fazit

Insgesamt handelt es sich hier um ein sehr schönes und leichtverständliches Einführungsbuch in die Thematik des Natural Horsemanship. Es werden sehr wertvolle Denkansätze und leichte Übungen für den Beginn der Arbeit vorgestellt. Wer allerdings bereits Kenntnisse auf dem Gebiet hat, wird in diesem Buch wenig Neues finden. Die vorgestellten Übungen sind gut erklärt, allerdings gehen sie nicht wirklich in die Tiefe, vor allem was den Bereich Gymnastizierung oder auch die Ausrüstung angeht. Für Einsteiger, Umsteiger oder Neuinteressierte ist dieses Buch jedoch auf jeden Fall zu empfehlen. Es leicht verständlich und beinhaltet viele schöne Denkansätze, die die Einstellung des Lesern nachhaltig beeinflussen werden. Dabei gefiel mir am Meisten der Abschnitt zur Thematik der Autorität bei der Erziehung.

 

Infos zum Buch
Originaltitel:Horsemanship Training
Autor:Kerstin Diacont
Verlag: Müller Rüschlikon Verlag
Ort: Stuttgart
Jahr:2016
ISBN: 978-3-275-02058-4