Buchrezension: Pferde gymnastizieren – 65 Übungen für das tägliche Training

Die Autorin Ann Katrin Querbach ist Trainerin B im Bereich Westernreiten und Breitensport auf einem Pferdehof in Walddorfhäaslach (Baden-Württemberg). Die vorgestellten Übungen sind das Resümee aus ihrer mehrjährigen Erfahrung den Pferden und Reitern bei der Durchlässigkeit und Kommunikation zu helfen. Dabei fließen in ihrem Buch Pferde gymnastizieren: 65 Übungen für das tägliche Training vor allem biomechanische Aspekte in die Übungen mit ein, die eine gesundheitserhaltende Reitweise ermöglichen.


Das handliche Taschenbuch im Softcovereinband umfasst 160 Seiten, aufgeteilt in 11 Kapitel. Die einzelnen Seiten sind voll bestückt, sodass es trotz des relativ geringen Umfangs, eine geballte Ladung an Informationen beinhaltet. Aufgelockert wird das Gesamtwerk durch zahlreiche Abbildungen und Fotos. So lässt sich als ersten Gesamteindruck festhalten, dass es sich um ein sehr gehaltvolles und ansprechend gestaltetes Fachbuch handelt.

All die im Buch vorgestellten Übungen sollen dazu beitragen eine „größtmögliche Harmonie zwischen Mensch und Pferd“ (Querbach, 2015, S.6) zu erreichen. Dabei lässt die Autorin all Ihre Erfahrungen aus dem täglichen Reitschulalltag, sowie fundierte Kenntnisse aus dem Bereich der Biomechanik, der Klassischen und der Westernreitweise mit einfließen. Sie beschreibt die vorgestellten Übungen als Reitweisenunabhängig.

Inhalt:

Der Inhalt teilt sich in drei wesentliche Teile auf: Zu Beginn werden in den ersten drei Kapiteln wesentliche Grundsatzübungen erläutert, die als Voraussetzung für die weiteren Kapitel, dienen sollen. Die in  Kapitel vier bis zehn beschriebenen Übungen lehnen sich schwerpunktmäßig an den Ausbildungsskalen der FN und EWU an. In den letzten beiden Kapiteln werden schließlich noch spezielle Übungen für Western- und Springreiter vorgestellt.

1. Teil

Im ersten Abschnitt des Buches geht es erst einmal um die notwendigen Grundlagen: Der korrekte und lockere Sitz, die Atmung, das Spüren und gezielte Bewegen der einzelnen Körperpartien des Pferdes und schließlich dann erste Übungen für etwas Biegung und Durchlässigkeit des Pferdes.

„Damit wir unsere Hilfen richtig geben können und das Pferd in seiner Bewegung nicht stören, sollten wir richtig sitzen“ (Querbach, 2015, S. 8)

Die Autorin erklärt genau, wie wichtig diese Grundlagen sind, um die genannten Ziele mit dem kompletten Übungsprogramm zu erreichen. Sehr schön ist, dass Ann Katrin Querbach hier zunächst beim Menschen anfängt. Häufig ist dem Reiter gar nicht klar, dass kleine Defizite im Sitz oder in der Körperspannung so große Effekte haben. Sehr lobenswert sind vor allem die beschriebenen Wege der Selbstkontrolle:

„Setzen Sie sich auf die Hände, um ein besseres Gefühl für die Sitzbeinhöcker zu entwickeln“ (Querbach, 2015, S.10)

Dadurch kann man sich selbst Stück für Stück schulen und überprüfen, um so ein besseres Körpergefühl beim Reiten zu bekommen. Sehr gut gefallen hat mir auch der Exkurs „Wie lernen Pferde“ (S. 18). Dort wird anhand eines sehr guten Beispielrollenspiels das Lernverhalten beim Pferd verdeutlicht. Ziel ist eine feine Kommunikation zum Pferd, die es ihm so leicht wie möglich macht, uns zu verstehen.

„Machen Sie viele Pausen, loben Sie das Pferd, achten Sie darauf, dass die Motivation erhalten bleibt und kein Stress entsteht.“ (Querbach, 2015, S.35)

Die Grundlagen der allgemeinen Hilfengebung werden im Kapitel 2 nochmals ausführlich erklärt und durch zunächst einfache Übungen, wie Vorhand- und Hinterhand-Wendungen verinnerlicht.

„Eine korrekte Hilfengebung ist immer ein Zusammenspiel aller Hilfen.“ (Querbach, 2015, S. 21)

Im Kapitel 3 kommt dann bereits eine leichte Biegung mit ins Spiel in Form von Schlangenlinien und Volten, sowie Kontervolten. Die Übungen werden bereits hier etwas Anspruchsvoller und der Leser muss sich sehr gut in die Reitsituation hineindenken können. Vor allem die Übung 3.6 „Schulterherein mit anschließender Vorhandwendung“ (Querbach, 2015, S.47) erfordert ein hohes Maß an Koordination der einzelnen Hilfen.

2. Teil

Die Grundlagen sind nun gelegt und der Reiter hat nochmals alle notwendigen Kommunikationshilfen verinnerlicht. Wir nähern uns nun der Ausbildungsskala und beginnen zunächst im Kapitel 4 mit dem Takt.

„Der Takt und die psychische und physische Losgelassenheit des Pferdes stehen in direktem Zusammenhang.“ (Querbach, 2015, S. 50)

Dieser Abschnitt ist im Hinblick auf die vorgestellten Übungen bereits etwas anspruchsvoller und erfordert ein hohes Maß an Körpergefühl, sowohl für den eigenen, als auch für einzelnen Körperteile des Pferdes. Dabei ist jede Aufgabe gewohnt bildlich beschrieben, mit allerhand Hinweisen und Tipps für die korrekte Durchführung. Besonders gefallen hat mir das „Angaloppieren aus der Volte“ (S. 57), da ich diese Übung auch vom Boden aus, sehr schön in meine Longenarbeit mit einbauen kann. Hierbei liegt der Fokus auf das korrekte Anspringen, aber auch einen sauberen und gebogenen Galopp.

In den nachfolgenden Kapiteln, bis hin zum Kapitel 10, werden die Themen Losgelassenheit, Anlehnung & Nachgiebigkeit, Hinterhandaktivierung, Geraderichten und schließlich die Versammlung /Absolute Durchlässigkeit behandelt.

3. Teil

Im letzten Abschnitt des Buches findet der Leser nochmals allerhand Reitweisenübergreifende Übungen, die das tägliche Training etwas auflockern können. Dabei werden Stangen, Pylonen oder andere Hindernisse, wie Brücken oder ein Tor mit eingebunden. Diese Aufgaben, aus dem Westernbereich (Trail), fördern die Motivation bei Pferd und Reiter und sorgen für etwas Abwechslung.

„Es werden Nervenstärke und gegenseitiges Vertrauen gefordert, um die Übungen durch exakte Bewegung des Pferdes in alle Richtungen (Rückwärtsrichten, Seitgänge) durchführen zu können.“

Es handelt sich also um eine Art Bewährungsprobe, bei der der Reiter ohne große Einwirkung das Pferd dirigieren muss.

Das letzte Kapitel stellt noch ein paar Übungen speziell für Springreiter vor, die ebenfalls das tägliche Training bereichern können.

Fazit:

Insgesamt handelt es sich hier um ein sehr ausführlich beschriebenes und mit viel Liebe und Verstand zusammengestelltes Sammelsurium an sinnvollen Übungen für das Pferdetraining im Sattel. Natürlich wird das Rad hier nicht neu erfunden, viele der Übungen waren mir bereits bekannt. Trotzdem finde ich es gut, dass man hier eine ausführliche Beschreibung der genauen Hilfen, sowie eine Sinnvolle Reihenfolge der Lektionen bekommt. So kann man sich leicht individuelle Trainingseinheiten zusammenstellen, und hat alle Möglichkeiten in einem Buch versammelt. Dabei wird der Leser bei seinem individuellen Ausbildungsstand und dem des Pferdes abgeholt. Jeder Schritt ist sehr ausführlich und bildlich beschrieben, dabei helfen die vielen Skizzen und Fotos beim Verstehen.
Sehr lobenswert ist auch der Aspekt der Reitweisenunabhängigkeit, wobei ich hier sagen muss, dass ein paar Details für Verwirrung sorgen könnten. Genauer gesagt geht es um die Verlagerung des Gewichtes. Lässt man das Pferd unter das Gewicht treten, oder dem Gewicht weichen? Ersteres ist vor allem im Westernbereich das gängige Verständnis, letzteres in der klassischen Reitweise. Wobei das nicht immer so klar getrennt wird. Ich finde dieser Aspekt hätte noch etwas genauer beleuchtet werden müssen, damit der Leser wirklich auf seinem individuellen Trainingsstand abgeholt wird.
Ebenfalls etwas verwirrend empfand ich die Fotos von dem Pferd mit Bosal (z.B. S.3). Die beschriebenen Zügelhilfen lassen sich nicht 1 zu 1 auf die Bosalreiterei übertragen, sodass ein falscher Eindruck entstehen könnte. Das heißt nicht, dass die Übungen nicht mit Bosal geritten werden können, aber trotzdem sollte man dort genauer lesen und kann nicht jede Hilfe, so wie sie da steht, umsetzen.
Bei jeder Übung wird zusätzlich von der Autorin beschrieben, was man tun kann, wenn das Pferd nicht die gewünschte Reaktion zeigt. Dabei sind jeweils ein paar falsche Szenarien und deren Lösung beschrieben. An sich finde ich diesen Einfall sehr gelungen, denn es zeigt gleichzeitig, dass nicht jede Lektion immer sofort gelingen muss. So wird dem Leser bereits vorab geholfen, sich selbst zu überprüfen und ggf. zu korrigieren. Allerdings sind die Lösungen an manchen Stellen zu kurz geraten, sodass man hier gut beraten ist, sich im Zweifelsfall einen kompetenten Trainer dazu zu holen.

Abschließend lässt sich sagen, dass dieses wirklich gelungene Werk keinen Ersatz für guten Reitunterricht darstellt. Wohl aber eine sehr sinnvolle Ergänzung, die allerhand Ideen und Fachwissen bereithält. Ich kann an dieser Stelle ganz klar eine Kaufempfehlung aussprechen, egal ob Anfänger oder Profi.

Infos zum Buch
Originaltitel:Pferde gymnastizieren – 65 Übungen für das tägliche Training
Autor:Ann Katrin Querbach
Verlag: Müller Rüschlikon Verlag
Ort: Stuttgart
Jahr:2015
ISBN: 978-3-275-02032-4