Es gibt keine bösartigen Pferde

Warum ein Pferd in seinen Augen immer alles richtig macht…

Wer mit Pferden zu tun hat, hat auch zwangsweise viel mit Pferdemenschen zu tun. Man tauscht sich aus, berät sich gegenseitig und hört sich all die Stories vom geliebten Vierbeiner an. Sehr häufig hört man dann Sätze wie: „Der wollte mich heute schon wieder Ärgern.“ oder „Der hat mich mal wieder nur verarscht.“ in besonders schlimmen Situationen ist sogar die Rede vom Problempferd, dass unbedingt eine Therapie braucht. Es ist ganz normal geworden, dass man den Tieren in seinem Umfeld menschliche Eigenschaften unterstellt. In gewisse Weise ist das auch nicht mal so ganz falsch. Pferde haben Persönlichkeiten und das sogar in der Tierwelt einzigartige besonders unterschiedliche, sodass kaum ein Pferd, wie das andere ist (vgl. Blendinger, 1971, S. 54). Pat Parelli hat genau diese komplexen Persönlichkeitstypen in ein für uns verständlichen System integriert (siehe dazu Artikel von Nicola Steiner). Insofern kann auch das Verhalten eines Pferdes seiner Persönlichkeit entsprechend sein. Wie man auf die speziellen Persönlichkeitstypen eingehen kann, könnt ihr im Artikel von Nicola Steiner nach lesen.

Was jedoch ein entscheidender Unterschied zwischen Mensch und Pferd und allgemein Mensch und Tier darstellt, ist die in der Psychologie als Rückkopplung bezeichnete Funktion im Gehirn – unser Bewusstsein (vgl. Blendinger, 1971, S.34). Vom Bewusstsein abgeleitet folgt das bewusste Handeln. Ich überlege etwas zu tun und tue es dann. Das Pferd selbst denkt nicht darüber nach, es folgt seinem Instinkt, seinem Bedürfnis oder seinem Erlernten Ablauf.

Zunächst der Instinkt: Der wichtigste und absolut lebenswichtigste Aspekt ist der Fluchttier-Instinkt – die Angst gefressen zu werden ist ihnen in die Wiege gelegt worden. Die stetige Todesangst ist ein ernst zunehmendes Thema. Wenn wir Menschen uns vor etwas erschrecken, ein lauter Knall beispielsweise, dann denken wir ziemlich schnell darüber nach, was das gewesen sein könnte. Wir legen uns Gründe zu recht und gehen beruhigt unserer Beschäftigung weiter nach. Ein Pferd verfügt nicht über die Möglichkeit sich einen Grund zu denken. Warum sollte es das auch – in freier Wildbahn hätte es nicht mal annähernd die Zeit dazu. Es hat im Laufe Zeit mit uns Menschen allerhöchstens gelernt, mit bestimmten Gefahren umzugehen, bzw. vertraut es seinem Menschen genug, um ihm die Entscheidung zu überlassen, wann es fliehen muss und wann nicht. Aber die Angst selbst – die bleibt sein stetiger Begleiter und wir Menschen müssen uns dafür sensibilisieren. Strafe und die Unterstellung einer Absicht sind der falsche Weg. Das Pendant zur Angst ist die Sicherheit. Und erst wenn wir in der Lage sind, unserem Pferde diese zu bieten, erst dann nimmt die Angst ab.

Das Bedürfnis, wie beispielsweise Hunger, Durst, Müdigkeit, Krankheit oder auch Schmerzen bestimmen ebenfalls das Verhalten unseres Pferdes. Hier spielen alle natürlichen und lebenswichtigen Aspekte eine Rolle, auch die korrekte und artgerechte Haltung und Ernährung. Nur ein rund um gut versorgtes Tier kann zu einem guten Reitpferd und treuem Partner werden. Fehlt es an irgendwas, sind Probleme stets vorprogrammiert. Hierzu zählt auch die richtige Ausrüstung. Drückt der Sattel, zwickt der Gurt oder fühlt sich das Pferd gestört, so kann es ebenfalls zu unerwünschten Verhalten kommen. Gerade das Sattelproblem ist hierbei das beste Beispiel. Buckeln und Durchgehen werden häufig von einem unpassenden Sattel und daraus resultierenden Schmerzen ausgelöst. Aber auch bereits vorhandene gesundheitliche Einschränkungen, können hier der Auslöser sein. Das Pferd folgt auch hier häufig lediglich seinem Bedürfnis Schmerz zu vermeiden. Wir sollten als guter und vertrauensvoller Mensch an der Seite unseres Pferdes, stets dafür sorgen, dass keine Schmerzen und keine anderen unerfüllten Bedürfnisse unser Pferd belasten.

Kommen wir zu einem weiteren wichtigen Aspekt, der das Verhalten unseres Pferdes maßgeblich beeinflusst: Das Erlernte. Ein Großteil des Verhaltens der Pferdes wird in der frühzeitlichen Prägephase erlernt (vgl. Blendinger, 1971, S.39). Deshalb ist es umso verständlicher, dass auch die Ursachen vieler Probleme frühkindlichen Einflüssen zugrunde liegen. Aber auch nach der Prägezeit lernt das Pferd stetig weiter. Selbst wenn wir nicht aktiv versuchen ihm etwas beizubringen, lernt es trotzdem jeder Zeit. Es sind die Kleinigkeiten, die uns nicht immer gleich bewusst sind. Ein typisches Beispiel ist dafür das Betteln. Wir freuen uns, wenn unser Pferd uns gleich begrüßt und mit seinem Kopf an uns heran tritt, als wöllte es kuscheln. Ein Leckerchen zur Begrüßung und prombt hat es was gelernt. Ich muss aufdringlich werden, dann bekomme ich das Leckerlie. Stück für Stück wird die Intensität gesteigert. Aber meist merken wir viel zu spät, das aus dem Begrüßen schnell ein penetrantes Durchsuchen geworden ist. Das ist zunächst eine typische Situation, die sicher schnell wieder abzulernen ist, indem es einfach kein Futter mehr aus der Hand gibt. Viel schwieriger sind Verhaltensweisen, wie Buckeln, Steigen, Anrempeln, Austreten. Alles was uns und anderen gefährlich werden kann. Sehr häufig ist auch dieses Verhalten angelernt, indem wir es unbewusst bestätigt haben. Nicht unbedingt durch Leckereien, aber beispielsweise durch eine Pause als Belohnung, oder gar mit dem Abbruch der Übung. Ein Beispiel: Spazieren im Gelände, das Pferd buckelt und rempelt uns an. Wir reagieren mit beruhigenden Worten, vielleicht sogar mit Streicheln oder etwas grasen lassen zur Beruhigung. Das Pferd lernt – buckeln muss ich also, damit ich endlich an das leckere Gras oder an meine verdiente Pause komme. Das ist nur ein Beispiel, jeder reagiert anders und es ist nun an jedem selbst, sich kritisch zu reflektieren. Zeigt mein Pferd ein bestimmtes Verhalten, was ich als Negativ wahrnehme, so muss ich überlegen, was habe ich evtl. getan, damit es dieses Verhalten erlernt hat. Und anschließend, was kann ich anders machen, damit es dieses Verhalten wieder ablegt. Im Zweifelsfalls ist hierbei auch zur professioneller Hilfe zu raten. Denn da wir häufig unbewusst positiv bestärken, kann eine zweite Person dieses Verhalten besser aufdecken und uns damit konfrontieren.

Wichtig ist abschließend noch zu sagen,  dass das erlernte Verhalten auch durch ein Trauma erlernt sein kann. Nichts prägt ein Pferd mehr, als die Erfahrung, dass etwas zu schmerzen führt. In diesem Fall reicht es nicht das eigene Verhalten zu ändern. Bei traumatisierten Pferden ist besonders viel Geduld und Einfühlungsvermögen und am besten auch ein erfahrener Trainer notwendig. Nur so kann das Pferd Schritt für Schritt vertrauen fassen und die Erfahrung nach und nach ablegen. Manche Pferde vergessen tatsächlich nie und ich persönlich bin der Meinung, dass in ganz extremen Traumatafällen, abgewägt werden muss, ob man das Pferd tatsächlich therapiert, oder es lieber vermeidet. Ein Beispiel kann ein extrem misshandeltes Pferd sein, dass keinen Reiter akzeptiert – vielleicht ist es für so ein Pferd besser niemals geritten zu werden.

Um mich nochmal auf die Überschrift zu beziehen. Wer aufmerksam gelesen hat, dem sollte inzwischen klar sein, dass ein Pferd immer alles richtig macht. Es macht in seinen Augen keine Fehler und es wäre unsinnig es zu bestrafen. Viel mehr sollten wir uns darauf konzentrieren, erwünschtes Verhalten zu bestärken und uns selbst stetig reflektieren, damit wir nicht ausversehen falsches Verhalten an trainieren. Zudem sollten wir stets alle Bedürfnisse unseres Vierbeiners erfüllen und seine instinktiven Ängste mit viel Bedacht und Verständnis wahrnehmen. Im Zweifelsfall ist stets zu einem kompetenten Trainer zu raten. Dann haben wir auch kein Problempferd 😉

Literaturverzeichnis:

Blendinger, W. (1971). Psychologie und Verhaltensweisen des Pferdes. Heidenheim: Erich Hoffmann Verlag

 

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