Geschichten aus dem Leben einer Physiotherapeutin für Pferd & Reiter

Kleine Ergänzung vorab: Die vorgestellten Pferdemenschen sind absichtlich ein wenig überspitzt und natürlich gibt es auch Ausnahmen. Die leichte Ironie im folgenden Text soll ein bisschen zum Nachdenken anregen. Der ein oder andere ertappt sich vielleicht selbst und überdenkt seinen Umgang mit dem geliebten Vierbeiner. Viel Spaß beim Lesen.

Kapitel 1: Was mache ich hier eigentlich?

Als ich meine Human-Physio-Ausbildung 1997 beendet und sofort die Weiterbildung für Pferd & Reiter dran gehängt hatte, ging ich davon aus, dass ich Pferde behandeln könnte, so wie ich es auch mit den Menschen tat. Allerdings hatte ich etwas vergessen…. die Menschen, die zu den Pferden gehören!
Im Laufe der Jahre habe ich es mir angewöhnt eine Art Register zu führen, in die ich diese Pferdemenschen einsortiere. Ein paar von denen will ich Euch mal vorstellen. Da wäre zum Beispiel:

1. Der ehrgeizige Sportler:

Sein Pferd muss als erstes gute Papiere haben, ohne Abstammung geht es nicht. Dann werden auch sofort die sportlichen Erfolge aufgezählt und die weiteren, die folgen müssen werden ebenso erwähnt, weil ich ja nun zusehen muss, dass „der Bock das schafft.“ So wie damals auf dem Islandpferde-Turnier.

O-Ton Islandreiterin: „Der muss Sport A schaffen, sonst geht der nicht zur Weltmeisterschaft. Der soll doch decken! Guck dir mal an, wie er da schon steht, wie so ein Penner!“

Ich: „Sei doch froh, dass er mitten beim Turnier so ruhig ist.“

Sie: „Das geht gar nicht! Mach was!“

Sie düste genervt ab und da wachte der kleine Hengst auf, sah mich quietschvergnügt an und wollte ein Bonbon haben. Da wurde mir klar, dass er mit der Hektik und dem wahnsinnigen Ehrgeiz der Bereiterin nicht klar kam und sich in sich selbst verkroch, um das irgendwie zu überstehen. Ich beliess ihn also in seiner gewünschten Ruhe, massierte ihn langsam mit grossen, festen Griffen und er entspannte sich vollends. Danach machte ich ihn fertig, wie ein Stallknecht und brachte ihn der Reiterin zum Abreiteplatz. Der kleine Kerl gab sein Bestes und schaffte Sport A. Glückseelig fiel mir die gute Dame gekünstelt um den Hals: „Danke, danke, danke! Gut, dass du mal eben schnell gekommen bist!“

Fazit: Nicht immer ist ein „entspanntes“ Pferd auch wirklich entspannt. Manche ziehen sich so sehr zurück, dass sie nicht mehr wirklich anwesend sind. Da hilft keine Motivation, sondern Ruhe und echte Entspannung. Aber… ist das Physiotherapie???

2. Die gehobenen Freizeitreiter

Vorraussetzung für diese Pferdeleute ist ein gutes Pferd und ein recht nobler Stall. Wenn das Pferdchen keine tollen Papiere hat, gibt es grundsätzlich eine dolle Geschichte (vom Schlachter gerettet, war gaaaanz schwierig, niemand kommt mit dem Pferd klar, ist schon viele Turniere gegangen,…). Wenn ich schon beim Sichtbefund die ertsen Schwächen aufzähle, sie durch den Tastbefund bestätigt bekomme und wenn das dann auch noch alles zu den Rittigkeitsproblemen passt, ist erstmal alles alles Wow! Prima! Und dann kommt das Aber! Wenn ich die Boxenhaltung bemängele, in der sich jedes Pferd kaputt steht, wird schon sparsam geguckt. Und wehe es geht an den Sattel. Der beste Satz, den ich mal gehört habe:

„Der Sattel bleibt drauf, der hat 3000 Euro gekostet, da kann ich am besten drin sitzen.“

Selbst wenn man klipp und klar beweisen kann, anhand von Muskelathrophien, von Schmerzpunkten, von den klassischen Sattel-check-Punkten, bleibt es dabei: Dieser Sattel bleibt. Es wird dann ein Sammelsurium von Schabracken in allen Farben, von Lammfellteilen, von Schaumgummiunterlagen angeschleppt, um den Sattel irgendwie zu pimpen. Völlig unsinnig. Ebenso wie die Diskussion, die daraufhin entsteht.
Meiner Meinung nach sollte dieses Pferd erstmal nur vom Boden gearbeitet werden, ein anderer Sattel muss angepasst werden und evtl. tut es dem Pferdchen ja auch mal gut etwas Urlaub vom Reiter zu bekommen. Spätestens dann entsteht eine Pause und es folgt der entscheidende Satz: „Ich habe das Pferd aber doch zum Reiten und nicht für Bodenarbeit.“
Also habe ich einen Befund plus Sattelcheck gemacht und werde natürlich nie wieder angerufen! Ist das nun Physiotherapie???

3. Die Über-Mütter

Es kann das gesündeste Pferd gekauft werden, es wird binnen kürzester zeit krank. Hier ist meist Hopfen und Malz verloren. Denn es wurde für das arme Hüh ja von Anfang an alles getan. Es wurde entwurmt, geimpft und wieder entwurmt und dann noch homöopathisch entwurmt und pflanzlich gestärkt, Kot und Urin werden mit Argusaugen begutachtet, über einen toll gekackten Haufen wird sich gefreut, wie verrückt. Hauptsache das Fell glänzt, alles ist ordentlich, sauber, fast schon steril. Um Ansteckungen und Verletzungen zu vermeiden wird das Pferdchen natürlich isoliert, zu seinem eigenen Schutz. Selbstverständlich. Und nachdem der dritte Tierarzt durch ist, der vierte Hufschmied, die fünfte Heilpraktikerin, kommt auch noch eine Physiotherapeutin hinzu.
Das sind dann Kunden, die ich schon am Telefon erkenne, denn das erste Telefonat endet nie vor einer halben bis dreiviertel Stunde und ich möchte dann schon gar nicht hinfahren, denn ich weiss, ich kann nichts für das arme Geschöpf tun, dass mir fast das Herz bricht in seinem Unglücklichsein.

Fazit: Die Krankheit des geliebten Vierbeiners ist das Lebenselixier seines Menschen.

Das Grundproblem ist eigentlich bei allen gleich: Die Menschen sind so sehr von sich und ihrem Umgang mit dem Pferd überzeugt, dass keiner es schafft, etwas zu ändern. Der Einzige, der ein gewisses Mitspracherecht hat, ist der Tierarzt, denn der hat ja studiert und hat sich auf Pferde spezialisiert.
In den meisten Fällen komme ich gar nicht dazu ein Pferd zu behandeln, weil der Befund des Pferdes meistens so ausfällt, wie es dem dazu gehörigen Menschen nicht passt. Dann ist natürlich klar, dass nach dem Befund nichts mehr folgt. Schade. Denn ein bisschen umdenken ist doch nicht schwer, aber vielleicht ein bisschen zu anstrengend, denn man muss die alten Pfade verlassen und etwas Neues lernen.
Aber nur dann lernt man sein Pferd richtig kennen. Es muss immer das bleiben dürfen, was es ist, nämlich ein Pferd. Kein Sportgerät, kein Kindersatz und kein Prestigeobjekt, oder ähnliches. Das sind nun drei der dollsten Pferdemenschen, mit denen mich arrangieren musste, weil ich in diesem Beruf arbeiten wollte.

Bis ich mich fargte: Was mache ich hier eigentlich??? Ist das noch Physiotherapie???

Ich mache hier meine Arbeit und wenn es nur ein Befund, oder nur ein Sattelcheck ist, oder der Hinweis, doch mal lieber Heu statt Silage zu füttern, wenn das Pferd permanent Durchfall hat. Das ist auch ein Teil meiner Arbeit und mittlerweile mache ich fast nur noch Exterieurbeurteilungen, Schmerzpunktsuche (die Suche nach Krankheits-Lahmheitsursachen), Sattel-Trensencheck und die PT für Pferd & Reiter unter Berücksichtigung der klassischen Grundausbildung.
Also freut Euch darüber, wenn ihr mal wieder bei fiesem Regenwetter ewig über die Weide stapfen müsst, weil das Pferd nicht auf Pfiff angaloppiert kommt und geht nur mal eine Runde spazieren, weil man auf so ein nasses und dreckiges Pferd keinen Sattel legen kann und teilt Euch mit dem Plüschpuschel eine Möhre.

In diesem Sinne

Eure Tina Wolff