Osteopahie als ganzheitliche Medizin für Pferde

Ein Überblick

Die Osteopathie, oder besser gesagt: die Osteotherapie, begreift den Patienten in seiner Gesamtheit.

D.h. es werden nicht nur einzelne Symptome (wie z.B. eine Lahmheit) gesehen und behandelt, sondern der gesamte Bewegungsapparat sowie eine ausführliche Anamnese, in der auch andere Aspekte (Allergien, Verhaltensauffälligkeiten usw.) mit einfließen, werden mit in die Behandlung einbezogen.

Der Grund hinter dieser aufwendigen Betrachtung liegt in der Komplexität des Organismus; Sämtliche Muskeln und Organe werden durch Nervenbahnen versorgt, welche durch kleine Löcher der einzelnen Wirbel austreten. Demnach ist jede Einschränkung im Rückenbereich, v.a. fehlstehende Wirbel, früher oder später ein Grund für sekundäre Läsionen wie z.B. Überlastung eines Organes und Minderdurchblutung bestimmter Körperpartien. Durch die häufig entstehende Durchblutuntgsstörung kann der Stoffwechsel nicht mehr richtig arbeiten, d.h. es mangelt an Nährstoffzufuhr und am Abtransport sogenannter Schlackstoffe. In Gelenkregionen können hierdurch Arthrosen entstehen.

Zuerst einmal ist der Organismus aber eine funktionierende Einheit, die auf die Funktion ihrer Einzelbereiche aufbaut / angewiesen ist. Störungen einzelner Einheiten ziehen weitere Störungen mit sich (wobei dem Körper auch bis zu einem gewissen Grad Selbstheilungskräfte zur Verfügung stehen).

Ein Beispiel hierfür: Das Pferd hat Probleme mit den Hufen → die Probleme wirken sich auf den Sehnenapparat aus, weil das Pferd eine Entlastung versucht bzw. unnatürlich verspannt → die Verspannungen (welche auch eine erhöhte Verletzungsgefahr mit sich bringen) ziehen weiter in die Schultermuskulatur, in der sie auf die Rückenmuskulatur treffen → über die große Rückenfaszie gelangen sie unbehandelt weiter bis zu den hinteren Gliedmaßen. Dem Reiter fällt irgendwann auf, dass sein Pferd mit der Hinterhand schlecht untertritt. Das Beispiel soll zeigen, was oft schon im Vorfeld passiert, bis der Reiter die Möglichkeit hat, das Problem seines Pferdes zu registrieren. Regelmäßige Kontrollen können solchen Szenarien also vorbeugen.

Der Osteotherapeut unterscheidet in seinem Tätigkeitsfeld folgende Bereiche:

Das parietale System

Gemeint ist damit der Bewegungsapparat mit seinen Knochen, Gelenken, Muskeln, Sehnen, Faszien und Nerven

Das viszerale System

Es bezieht sich auf das Organsystem, das eng mit dem parietalen System in Verbindung steht. Bei Pferden kann hier zusätzlich zur Wirbelsäulenbehandlung beispielsweise über die dem Organ zugeordneten Muskeln und segmentale Reflexpunkte gearbeitet werden.

Das kraniosakrale System

Hier wird hauptsächlich mit der Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark umspült, sowie mit den einzelnen Partien des Craniums (Cranium = Schädel) und dem Sacrum gearbeitet. Die Flüssigkeit hat im einwandfreien Zustand einen bestimmten Rhythmus. Diesen Rhythmus kann der feinfühlige Therapeut erspüren und, sollte er durcheinander geraten sein, beeinflussen. Der craniosacrale Rhythmus beginnt schon vor der Geburt und dauert nach dem Sterben noch einige Minuten an. Da mit der Craniosacraltherapie am Nervensystem gearbeitet wird, hat die Therapie oft auch erstaunliche Wirkung auf die Psyche des Patienten.

Die Osteopathie hält also eine gute Palette an Möglichkeiten bereit, unsere Tiere (und natürlich auch uns Menschen) bei regelmäßiger Vorstellung längstmöglich und bestmöglich gesund zu erhalten und größeren Problemen (denken Sie an die oben erwähnte Verletzungsgefahr bei Spannungszuständen) vorzubeugen. Sie ist als wertvolle Ergänzung zur Schulmedizin zu sehen und ersetzt diese nicht.

Leider werden die Möglichkeiten der Osteopathie von Schulmedizinern zum Teil noch verkannt oder absichtlich heruntergespielt. Dabei wäre eine patientenorientierte Zusammenarbeit und Ergänzung beider Therapieformen oft ein guter und erfolgreicher Weg. Denn was nützt es, eine Entzündung schulmedizinisch erfolgreich zu bekämpfen, wenn durch die Kompensationsmechanismen andere Probleme im Pferd auftauchen / bestehen bleiben? Beispiel: Der Tierarzt behandelt eine Entzündung im Bereich der Hinterhand. Das Pferd wird nach Abschluss der Behandlung wieder geritten. Nach einiger Zeit lahmt es vorne, weil das durch die Entlastung überstrapazierte diagonale Bein der wieder aufgenommenen Belastung nicht symptomfrei standhält. Oder es lahmt nicht, läuft sich aber einen Huf schief ab. Hätte der Tierarzt seinen Bereich und der Osteopath ergänzend die Kompensationsmechanismen behandelt, hätte man Pferd und Besitzer ein weiteres Problem ersparen können :-).

© Karen Altinger (BVFT geprüfte Pferdeosteopathin)

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