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Buchrezension: Die Kraft der Diagonalen von Gabriele Rachen-Schöneich & Klaus Schöneich

Gabriele Rachen-Schöneich und ihr Mann Klaus Schöneich leiten gemeinsam das Zentrum für Anatomisch Richtiges Reiten (ARR) in Goch. Seit über 20 Jahren trainieren sie hier gemeinsam Pferde und verbreiten dabei ihr umfangreiches Wissen über Anatomie und Biomechanik. Beide haben bereits einige Publikationen herausgebracht. Ihr neuestes Buch: Die Kraft der Diagonalen möchte ich euch im Folgenden kurz vorstellen.


Das Buch mit Hardcover-Einband erscheint im fast quadratischem Format. Es besteht aus 224 Seiten, welche sich in 3 Hauptkapitel und zahlreiche Unterkapitel gliedern. Inhaltlich geht es im wesentlichen um anatomisch korrektes Pferdetraining – zunächst an der Longe inkl. Schiefen-Therapie® und schließlich unterm Sattel.

“Im Mittelpunkt steht stets die Gymnastizierung des Pferdes und die Entwicklung seines Körpers hin zum Verständnis seiner eigenen Bewegung.”

(K. Schöneich, 2019, S.17)

Die Kapitel sind optisch sehr außergewöhnlich gestaltet. Neben zahlreichen künstlerischen Zeichnungen von Renate Blank, eine Künstlerin aus Soltau, sorgen optische Hervorhebungen, Zitate und farbige Seiten für ein gelungenes Gesamtkunstwerk.

Teil 1 – Warum longieren wir? (Kapitel 1-10)

Das Pferd ist ein Fluchttier, dessen Anatomie und Verhalten eben auf genau diesen Aspekt abgestimmt ist – keine Frage – doch wie wird aus einem Fluchttier ein sportlicher Athlet? Genau mit dieser Frage beschäftigt sich das erste Kapitel des Buches: Die Kraft der Diagonalen. Dabei geht es zunächst um das Thema natürliche Schiefe und Händigkeit als besonders wichtige Bewegungsfaktoren des Pferdes (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 25f).

Das Logo des Zentrum für Anatomisch Richtiges Reiten zeigt das Grundproblem des schiefen Pferdes über die Phasen der Schulterbewegung.

“Der Raumgriff der händigen Schulter des schiefen Pferdes ist verkürzt.”

(Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S.19)

Es folgt ein Fachkommentar von Dr. med. vet. Kerry Ridgway über die Nomenklatur der Lateralität des Pferdes. Dabei plädiert dieser mit medizinischer Argumentation für eine einheitliche Definition der Händigkeit des Pferdes hin zu einer “vorne-rechts- bzw. vorne-links-Dominanz” (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 31-41). Dabei legt er sowohl medizinische als auch verhaltenswissenschaftliche Indizien für die Bestimmung der Lateralität beim Pferd dar und zeigt damit, wie Komplex dieser Sachverhalt eigentlich ist. Der Fachkommentar ist äußerst interessant, regt zum Nachdenken und vor allem Nachprüfen an, wenn auch so mancher Begriff zum besseren Verständnis nachgeschlagen werden musste.

Im Anschluss folgt ein Blick auf die Urgenetik des Pferdes und eine Beschreibung dessen natürlicher biomechanischen Reaktionen auf unterschiedliche Reize, mit welchen die Unfähigkeit zur Kreisbahn und zur Versammlung einhergehen. Allerdings schlummern die gewünschten Bewegungsmuster bereits tief in unseren vierbeinigen Freunden – nämlich im Hengst, der seine Herde beschützt oder in der Stute, die sich demonstriert – im Training gilt es nun genau diese Muster zu aktivieren und das Pferd Schritt für Schritt Gerade zu richten (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 44).

“Diese Umwandlung der biomechanischen Reaktion ist also ein natürliches Verhalten, das tief im Pferd verankert ist.”

(Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 44)

Von den negativen Folgen und medizinischen Auswirkungen, die Zentrifugal- und Scherkraft auf das schiefe Pferd haben, berichten die Autoren im folgenden Abschnitt des Kapitels. Tierärztin Tina Wassing erläutert in ihrem Essay eine schwerwiegende Folge der Scherkraft im Bezug auf die Stellung der Augen und die damit verbundenen muskulären Begleiterscheinungen. Die Aufrechterhaltung des Gleichgewischtes des schiefen Pferdes, welches versucht eine Kreisbahn zu meistern, sorgt für muskuläre Verspannungen, sowie Blockkaden durch verschobene Halswirbelkörper (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 55ff). Stoffwechselprobleme, Entzündungen, Kissing Spines, Headshaking oder gar Hufrolle – als diese Kranksheitsbilder beschreiben die Autoren als mögliche Folge des fehlenden Geraderichtens in der Grundausbildung.

“Oberstes Ziel ist die Gewährleistung der Tragfähigkeit, die dem Pferd von Natur aus aufgrund seiner Anatomie nicht gegeben ist. […] Diese Gymnastik dient dem Geraderichten und erst ein geradegerichtetes Pferd ist tragfähig.”

(Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 66)

Auf die rassespezifische genetische Besonderheiten geht das letzte Kapitel des ersten Abschnittes ein. Dabei werden 7 Pferderrassen im Hinblick auf Ihre Zuchtziele und deren Auswirkung auf ihre Biomechanik näher betrachtet. Zudem geben die Autoren schon bereits dezente Hinweise, wie mit Hilfe der Schiefen-Therapie® diese rassespezifischen Besonderheiten individuell trainiert werden sollten. 

Teil 2 – Funktionelle Trainingsmethoden (Kapitel 11-19)

Der zweite des Buches beginnt mit einer kurzen Übersicht der wichtigsten Trainingsmethoden. Dabei wird auch die Wichtigkeit der dynamischen Dehnungshaltung, sowie die Überbiegung zum Muskelaufbau des Halsen und nicht zu vergessen die Anhebung des Rumpfes (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 82-83).

“Das Training mit Hilfszügeln beispielsweise ist nicht funktionell, da sie die Stabilisierung der Diagonalen, d.h. der Bewegungs- und Körpersymmetrie, für das Pferd nicht übernehmen. Pferde sollten lernen, aus eigener Kraft diese Stabilisierung zu halten, was bedeutet, das Pferd in den Schwerpunkt zu trainieren, also geradezurichten.”

“Die Biegung des Halses ist der Ansatz zum funktionellen Training, denn sie bringt das Pferd aus der statischen Dehnung heraus.”

(Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 83)

Im Anschluss werden die erforderlichen Trainingsvoraussetzungen besprochen – ein gut sitzender Kappzaum, eine kurze Bogenpeitsche und idealerweise ein Roundpaddock werden für die Schiefen-Therapie® an der Longe benötigt (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 90-91).

Dann geht’s ans Eingemachte… Von der korrekten Dehnungshaltung mit einem weichen und geschmeidigen Pferdehals, hin zur Biegung, erläutern die Autoren hier die Grundzüge der Schiefen-Therapie®.

“Die vertikale Biegungslinie entsteht durch die Hankenbeugung, sie ermöglicht das Anheben des Rumpfes und gibt dem Pferd die Möglichkeit sich zu Dehnen.”

“Durch die horizontale Dehnungsarbeit am Hals wird diesem mittels Biegung die Funktion als Steuerelement und Balancestange genommen, um über die Schulter schließlich Einfluss auf die Hinterhand nehmen zu können, die wiederum den Wechsel von Stand- und Spielbein erlernen muss. Durch diese diagonale Verschiebung vom inneren Vorderbein zum äußeren Hinterbein wird die natürliche Schiefe des Pferdes aufgehoben;”

(Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 92-93)

Die schrittweise Erarbeitung von Biegung und Stellung und schließlich über das Anheben des Brustkorbes zur korrekten Dehnungshaltung werden im Anschluss sehr bildlich erläutert (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. S.99 – 105). 

“Viel gepriesen, aber allzu oft missverstanden – die Dehnungshaltung bzw. vertikale Biegungslinie.”

(Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 105)

Es folgt ein umfangreiches Essay von Tierarzt Manuel Fernandez-Cuevas, welcher als Chiropraktiker am Zentrum für ARR praktiziert. Er erklärt sehr spannend und ausführlich das notwendige Zusammenspiel der unterschiedlichen Muskelgruppen, die für die Tragfähigkeit des Pferdes verantwortlich sind. Dabei erläutert er auch die wichtigen Trainingseffekte der Schiefen-Therapie® auf eben genau diese Muskeln (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 109-115).

Im Anschluss zeigen die Autoren noch die sensiblen Bereiche des Halses und Kopfes auf und gehen dabei auf deren Besonderheiten beim funktionellen Training ein (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 116-119). Wie immer ist auch dieses Kapitel sehr ansprechend bebildert, was sehr zum Verständnis beiträgt. 

Den Abschluss des zweiten Abschnittes macht ein Essay von der Tierärztin Tina Wassing, welche den Trapezmuskel als wichtigen Teil des Schultergürtels näher vorstellt. Sie geht auf dessen Funktion ein, ohne diesen als zu wichtigen Einzelspieler zu werten. Dennoch hebt sie vor allem seinen Einfluss bei Problemen wie Headshaking hervor (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 120f).

Teil 3 – Anatomisch richtiges Reiten

Der letzte Abschnitt des Buches widment sich der Überleitung von der Longe in den Sattel. Die vorher erläuterten Grundlagen werden nun auf das Reitpferd übertragen. Dabei wird gleich zu Beginn die Wichtigkeit der vertikalen Biegungslinie erörtet.

“Der weit verbreitete Irrglaube, dass man ein Pferd mit Rückenproblemen – das trifft oft bei Kissing Spines zu – vorwärts-abwärts- gehen lassen soll, führt leider zu negativen Ergebnissen, wenn davor nicht diese vertikale Biegungslinie angestrebt wird. Denn Kissing Spines entstehen zu einem hohem Prozentsatz durch dem tiefen Rumpf des Pferdes, verbunden mit einer starken Belastung der Vorhand.”

Es folgt ein Essay von Sattler Christoph Hubertus über den ARR-Sattel, welcher durch seine angepasste Bauart den hohen Anforderungen des Anatomisch Richtigen Reitens gerecht wird (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 130f).

Im Anschluss stellen die Autoren nochmal wichtige Merkmale der notwendigen Ausrüstungsgegenstände und Erläutern zudem ihr Vorgehen einem vermeidlichen Satteltrauma.

In einem weiteren Essay berichtet Tierärztin und Pferdedentalpraktikerin Rabea Neubaum von der Wichtigkeit der Regelmäßigen Kontrolle des Pferdegebisses. Viel Probleme beim Reiten lassen sich auf die Zahngesundheit zurückführen. So ist vor allem ein unentdeckter Wolfszahn häufig der Auslöser für viele Unarten wie Headshaking, Festbeißen, Durchgehen oder gar Steigen (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 136ff).

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Reitersitz, dem Einfluss des geradegerichteten Pferdes auf das Sitzgefühl und die Wichtigkeit der drei “B”:

“Beckenboden nach vorne kippen, Bauchnabel einziehen und Brustbeinspitze öffnen.”

(Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 142).

Wunderbar bildlich beschrieben ist das Kapitel “Anatomisch Richtiges Reiten in der Praxis”. Hier erläutern die Autoren sehr genau, wie man die gelernten Bewegungsmuster von der Longe im Sattel Stück für Stück abruft. Das beginnt bereits beim Warmreiten indem man beispielsweise Bögen reitet und intervallweise das Tempo variiert. Die Hilfengebung des Reiters ist hier ebenfalls sehr genau beschrieben und durch ansprechende Zeichnungen nochmals visualisiert (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S.152ff).

“Jede Ecke der Reitbahn wird als Viertelvolte genutzt, um die Diagonale zu kontrollieren, hin zum Schulterherein.”

(Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 155).

Die detaillierte Beschreibung der gängigen Lektionen wie Schlangenlinie, Schulterherein, Travers und Galopp runden die Anleitung sehr gut ab. Dennoch kommt ganz zum Schluss die ausdrückliche Warnung, Seitengänge zu früh zu fordern. Erst ein geradegerichtetes Pferd hat die notwendige Balance und Muskulatur für korrekte Seitengänge (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 165).

Es folgt ein kurzes Essay von Arlette Magiera, Schiefen-Therapeutin, über die klassische Handarbeit, welche sich wunderbar dazu eignet die angestrebten Lektionen zunächst vom Boden aus vorzubereiten (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 172f).

Im Anschluss stellen die Autoren einen detaillierten Ablaufplan für die Ausbildung vom Jungpferd zum Reitpferd vor. Dabei gehen Sie auf die Besonderheiten im jeweiligen Alter ein, die für das Training nützlich oder hindernd sein können (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 178-180).

Ein Essay von Jan Nivelle, ein internationaler Dressurtrainer, über die Bedeutung des Zirkels bei der Ausbildung des Reitpferdes beschreibt nochmals detailliert die Hilfengebung des Reiters aus Sicht des Ausbilders. Dabei werden vor allem Softskills im Umgang mit dem Pferd, sowie Fairness und dosiertes Einfühlungsvermögen thematisiert (vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 181-185).

Das Wort zum Schluss – es ist nie zu spät neu anzufangen:

“Schauen sie nicht zurück, sondern nach vorn. Lassen Sie die Vergangenheit ruhen, denn die Zukunft beginnt jetzt. Nehmen Sie Ihre Verantwortung wahr und lernen Sie die Einfachheit der Reaktion des Pferdes zu verstehen. Unsere Freunde die Pferde haben es verdient!.”

(vgl. Rachen-Schöneich & Schöneich, 2019, S. 188)

Fazit

Das Buch: Die Kraft der Diagonalen ist ein sehr umfangreicher und stilvoll gestalteter Einstieg in die Thematik der Schiefen-Therapie®.  Das Lesen des Buches ist anspruchsvoll und erfordert die Bereitschaft zum Mitdenken und ggf. auch Nachschlagen von medizinischen Fachwörtern, sowie der Lage von einzelnen Muskeln. Es ist jedoch eindeutig keine Anleitung zur selbstständigen Durchführung des Geraderichtens an der Longe. Es werden zwar sehr tiefgründig biomechanische Zusammenhänge und sichtbare Indikatoren für falsche und richtige Bewegung des Pferdes in der Kreisbahn erläutert, dennoch reicht auch die kurze Einführung in die erforderlichen “Werkzeuge” nicht für das alleinige Training aus. Je nach Kenntnisstand und Vorbildung des Lesers, stellt das Buch jedoch eine sehr sinnvolle Ergänzung zum Training an der Longe – oder gar zur Grundausbildung des Pferdes dar. Die vermittelten Grundlagen, anatomischen und urgenetischen Voraussetzungen sollten von jedem Pferdehalter gekannt und berücksichtigt werden. Der Abschnitt unter dem Reiter hingegen lädt eindeutig zum Ausprobieren ein. Hier werden sehr detailliert Übungen vorgestellt und dabei die Hilfengebung des Reiters erläutert. Die Beschreibungen der Hilfengebung ist sehr gut nachvollziehbar und logisch aufgebaut, sodass sich die vorgestellten Übungen sehr gut auf das eigene Training übertragen lassen. 

Rückblickend finde ich es dennoch etwas schade, dass nur sehr wenig praktische Tipps und Tricks für Training an der Longe vorgestellt werden. Wie funktioniert die Überbiegung im Detail, wie schaffe ich es, dass der Brustkorp angehoben wird, wie händle ich die Hilfengebung via Longe, Peitsche und Körpersprache? All diese Fragen werden in diesem Buch leider nicht beantwortet. Es bleibt am Ende ein wenig die Unsicherheit, inwiefern das eigene Pferd die vorgestellten Kriterien zum Geraderichten erfüllt und an welchem Punkt man schlussendlich ansetzen sollte. 

Durch das hohe Niveau des Buches  ist sowohl für Profis, Fortgeschrittene als auch für Anfänger der Materie geeignet. Von mir gibt es aufgrund des hohen Informationsgehaltes und der wunderbaren Aufmachung eine uneingeschränkte Leseempfehlung! 

Infos zum Buch
Originaltitel:Die Kraft der Diagonalen
Autor:Gabriele Rachen-Schöneich & Klaus Schöneich
Verlag: Müller Rüschlikon
Ort: Stuttgart
Jahr:2019
ISBN: 978-3-275-02152-9


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Rezension: Der neue Longenkurs – ein Trainingsprogramm nach den Grundsätzen der Biomechanik des Pferdes von Babette Teschen

Babette Teschen

Babette Teschen

Babette Teschen gibt seit Jahren Seminare und Kurse zum Thema Longieren nach nach den Grundsätzen der Biomechanik des Pferdes, dabei fließen vor allem ihre Kenntnisse als Tierheilpraktikerin in die Trainingsmethoden mit ein. Als umfassende Lektüre zum Trainingskonzept brachte Sie 2008 den ersten “Longenkurs” als PDF Selbst-Lern-Anleitung heraus. Meiner Meinung nach revolutionierte dieser Kurs das Verständnis vom Longieren. Korrigiert mich, falls ich mich irre, aber mir war vorher keine Literatur bekannt, die auf ähnliche sanfte Weise eine so gesunde Selbsthaltung beim Pferd hervorrufen kann – und das vor allem OHNE jegliche Hilfszügel oder Gewalteinwirkungen. Das es funktioniert, bewies vor allem die Geschichte von Lisa Kittler, die ihre Angloaraberstute Pien mit diesem Kurs komplett neu ausbildete.


Im Jahr 2011 kam eine komplett überarbeitete Version, mit noch besseren Bildern, Zeichnungen und dazugehörigen Videos heraus. Ich möchte diesen Kurs im folgenden rezensieren und beziehe mich dabei auf die Version von 2011.

Bestellen kann man den Longenkurs als digitales PDF Dokument über die Internetseite von Babette Teschen und Tania Konnerth www.wege-zum-pferd.de. Zum Lesen steht es einem nun frei, ob lieber ausgedruckt, oder am PC oder etwas komfortabler über ein Tablet. Der knapp 240 Seiten schwere Longenkurs eignet sich meiner Meinung nach nicht zum eben mal durchlesen. Zumindest ab Kapitel 2, indem konkrete Übungen beschrieben werden, sollte die Lektüre, so fern man diese auch aktiv am Pferd anwenden möchte, genaustens studiert werden. Zur Unterstützung bekommt man von der Autorin zahlreiche Videos über ein Internetportal zur Verfügung gestellt. Es empfiehlt sich meiner Meinung nach, diese parallel anzuschauen, um ein genaues Gefühl für die korrekt ausgeführte Übung zu bekommen.

Kommen wir nun zum Inhalt des Longenkurses. Im ersten Kapitel führt die Autorin zunächst allgemein an das Thema Longieren heran. Sie betrachtet dabei vor allem das Problem, dass ein Pferd naturgemäß nicht im Kreis läuft und deshalb die Biegung des Pferdekörpers eine große Herausforderung in der Ausbildung darstellt. Babette Teschen zeigt nun über ausreichend Bildmaterial, wie es nicht aussehen sollte, welche Probleme aus falschem Longieren entstehen und was es mithilfe des Longenkurses zu erarbeiten gilt. Es folgt ein Exkurs über das gute Laufen beim Pferd. Die Autorin lässt hierbei fundiertes Wissen über Anatomie, Physiologie und Biomechanik des Pferdes mit einfließen. Ziel ist, den Leser zu schulen, damit dieser erkennen kann, wann sein Pferd überhaupt gut läuft und was er damit tatsächlich bewirkt. Zudem wird auch schnell deutlich, wozu schlechtes Laufen führt und welche gesundheitlichen Schäden dadurch entstehen. Bereits in diesem Kapitel sollte der Leser die Bilder mit viel Aufmerksamkeit betrachten. Hierbei haben Tablet-Leser einen Vorteil durch die Zoom-Funktion. Der geschulte Blick, so viel kann ich aus eigener Erfahrung sagen, ist bei der Umsetzung des Kurses sehr wichtig. Es werden Begriffe erläutert wie natürliche Schiefe, hohle Seite, Händigkeit und Scherkraft und anschließend deren Bedeutung im Hinblick auf das korrekte Longieren erklärt. Am Ende des Kapitels hat man eine konkrete Vorstellung, davon, wie es richtig aussehen muss. Allerdings merkt man auch schnell, dass dieses Ziel nicht von heute auf Morgen zu erreichen ist. Zudem bekommt man auch ein Gespür dafür, wie schwer das geforderte dem Pferd eigentlich fällt.

Der eigentliche Kurs beginnt nun im Kapitel 2, dem Praxisteil des Longierens. Zu Beginn erläutert Babette Teschen die richtige Ausrüstung und die notwendige Beschaffenheit eines guten Arbeitsplatzes. Sehr detailliert geht sie auf das Thema Kappzaum ein. Ein vernünftiger Kappzaum, der vor allem gut und fest sitzt ist existentiell für die weitere Arbeit. Denn nur so kann die gezielte Einwirkung über die Longe erfolgen. Die Autorin erklärt an dieser Stelle auch die richtige Verschnallung und zeigt auf zahlreichen Abbildungen, wie ein guter Kappzaum zu sitzen hat. Ebenfalls werden Negativbeispiele mit ungeeigneten Ausrüstungsgegenständen, wie dem Stallhalfter gezeigt und erläutert. Anschließend lernt der Leser noch die korrekte Haltung der Longe, sowie die Anwendung der Peitsche. Auch die Zuhilfenahme von Dualgassen, nach Geitner oder dem Körperband nach Tellington-Jones werden kurz angeschnitten. Komplett abgelehnt wird die Verwendung von jeglichen Hilfszügeln. Babette Teschen argumentiert hierbei ausführlich, dass durch eine erzwungene Haltung, keine Selbsthaltung des Pferdes zustande kommt. Zudem fällt ein Pferd, dass seinen Kopf wie gewünscht absenken möchte, schnell hinter die Senkrechte. Diese Argumente werden durch bebilderte Beispiele umfassend belegt.

Es folgt ein besonders wichtiger Abschnitt, die richtige Hilfengebung beim Longieren. Intensiv wird die notwendige Körpersprache, der Einsatz der Stimme, der Peitsche und die Signale über die Longe erklärt. Zahlreiche Bilder mit eingezeichneten Pfeilen sollen beim Verständnis helfen. Das Schwierige hierbei ist, sich immer wieder selbst zu kontrollieren. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass sich eine zweite Person bei der Arbeit schnell bezahlt macht, denn man kann sich unmöglich auf so viele Punkte gleichzeitig konzentrieren. Ich kann auch in diesem Abschnitt nur empfehlen die Bilder zu studieren und sich die richtigen Positionen zu merken. Ein Unterschied zu anderen Lehren des Longierens stellt vor allem die Position auf Höhe des Pferdekopfes dar, aber auch die Hilfengebung mit der Peitsche ist wesentlich komplexer, als ich es von herkömmlichen Lehren kenne.

Nun geht es los, die ersten Übungen werden erläutert. Babette Teschen beginnt mit dem Führen in Stellung (FiS). Eine Lektion, deren eigentlicher Schwierigkeitsgrad erst beim eignen Ausprobieren deutlich wird. Durch diese Übung soll das Pferd schonend an die geforderte Selbsthaltung herangeführt werden. Es folgt das Übertretenlassen der Hinterhand, das langsame Antraben auf engen Kreisen und später dann Schrittweise das Führen auf Entfernung. Kurz gesagt, die Autorin baut das Fundament der eigentlichen Longenarbeit auf. Es ist nun am Leser sich diese Basisübungen zu erarbeiten. Es helfen dabei zahlreiche Bilder und Videos im dazugehörigen Onlineportal.

Im letzten Abschnitt des Kapitels erklärt die Autorin die Basisarbeit an der Longe. Der wichtige Übergang vom Führen in Stellung zum Longieren in Stellung bringt eine neue Herausforderung für das Pferd-Mensch-Gespann. Babette Teschen erläutert die Arbeit gewohnt detailliert mit vielen Bildern zur Illustration. Sie geht auch auf eventuelle Schwierigkeiten ein und bietet Lösungsansätze. Auch die Galopparbeit kommt nun dazu. Es wird umfassend die Dehnungshaltung, aber auch die Versammlung an der Longe erklärt und schnell wird klar, wie Komplex das beschriebene System des Longierens eigentlich ist und wie umfassend das Pferd dadurch bewegt, gymnastiziert und trainiert wird.

Arbeit nach dem Longenkurs

Arbeit nach dem Longenkurs

Im letzten Kapitel, liebevoll das Longengymnasium genannt, wird die Arbeit nun abwechslungsreich und kreativ verfeinert. Das Pferd lernt unter anderem das Anhalten an der Longe, den Appell, das Rückwärtsrichten, aber auch Handwechsel, Volten und Schulterherein. Durch eine lebendige Longeneinheit, so Babette Teschen, bleibt das Pferd aktiv dabei, achtet mehr auf den Menschen und lässt sich besser zum Lernen motivieren. Auch in diesem Kapitel warten zahlreiche Bilder und Erklärungen, aber auch mögliche Probleme und deren Lösungen. Am Ende des Kapitels werden noch die speziellen Fälle behandelt. Speziell meint hierbei, ältere oder kranke Pferde, aber auch Gangpferde, die durch ihren Bewegungsapparat rassespezifisch trainiert werden sollten. Der wichtigste Hinweis kommt gleich zu Beginn. Bei der Arbeit mit älteren oder kranken Pferden, sollte zunächst ein Tierarzt konsultiert werden, aber prinzipiell schließt die Autorin die Arbeit nach dem Longenkurs nicht aus.

Abschließend lässt sich sagen, dass der Name Kurs durchaus berechtigt ist, denn es handelt sich hierbei um ein wirklich umfassendes Werk mit geballten Informationen. Obwohl einige Abschnitte sich mit anatomischen und teils sogar wissenschaftlichen Aspekten beschäftigen, lässt sich der Longenkurs dennoch gut und verständlich lesen. Inhaltlich ist er sowohl für Anfänger, aber auch für Profis, die einem neuen Weg des Longierens offen gegenüber stehen, geeignet. Die Bilder bieten eine wichtige Grundlage zum Selbstlernen und auch das dazugehörige Onlineportal mit den Videos, und meiner Meinung nach auch die Facebookgruppe zum Fragen stellen, ergänzen den Kurs umfassend. Wer nicht gut aus Büchern und Videos lernen kann, der hat die Möglichkeit sich von Babette Teschen selbst auf einem Live-Kurs Hilfe zu holen. Mich persönlich hat der Longenkurs mehr als überzeugt. Ich habe meine Einstellung zum Longieren, aber auch die generelle Arbeit mit dem Pferd grundlegend überdacht, denn Kurs inspiriert auch stark zum Hinterfragen (Bsp. Hilfszügel). Von mir gibt es eine klare Kaufempfehlung, für diese meiner Meinung nach Pflichtlektüre in Sachen Longenarbeit!

Infos zum Kurs
Originaltitel:Der neue Longenkurs – Verbessert, überarbeitet und umfassend ergänzt: ein Trainingsprogramm nach den Grundsätzen der Biomechanik des Pferdes
Autor:Babette Teschen, unter Mitarbeit von Tania Konnerth und Lisa Kittler
Copyright: Babette Teschen & Tania Konnerth GbR
Erhältlich unter: www.wege-zum-pferd.de
Jahr:2011