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Buchrezension: Sicher & frei reiten – mit Natural Horsemanship

Jenny Wild und Peer Claßen – eine Natural Horsemanship Trainer Familie wie aus dem Bilderbuche. Gemeinsam mit Ihrem Sohn Henry begeistern Sie auf Ihren Kursen und auf Messen mit harmonischen Freiheitsdressur- und Bodenarbeitsvorführungen. Ihr Fokus liegt dabei stets auf einer tiefen Vertrauensbasis zwischen Pferd und Mensch. Die Grunddevise ist dabei stets der faire und respektvolle Umgang mit dem vierbeinigen Freund auf Basis des Natural Horsemanships. Nach dem ersten gemeinsamen Bestseller: Übungsbuch Natural Horsemanship (zur Rezension) und dem sehr emotional geschriebenen Buch von Jenny Wild: Von Pferden lernen, sich selbst zu verstehen: Durch Selbsterkenntnis zum Pferdeverständnis (zur Rezension) folgt jetzt der nächste große Hit.

In ihrem neusten Buch: Sicher und frei reiten mit Natural Horsemanship erklären die beiden in gewohnter fairer Manier eine etwas andere Art des Reitens. Sicher, frei, respektvoll und ohne Zwang leiten die Autoren Schritt für Schritt von der Bodenarbeit nach NHS zum Reiten über.


Das Buch im Hardcovereinband umfasst 199 Seiten. Die Schrift ist etwas kleiner, sodass neben der gewohnt umfangreichen Bebilderung umfassende Textpassagen für sehr viel Lesestoff sorgen. Zusätzlich zum Buch gibt es wieder 10 selbst produzierte Videoanleitungen, die via Kosmos App sehr unkompliziert abgerufen werden können. In den 6 Kapiteln des Buches werden Schritt für Schritt die Grundlagen der Ausbildungsmethode erklärt. Dabei richtet sich das Buch sowohl an Anfänger, als auch an erfahrene Pferdemenschen. Ebenso kann die Vorgehensweise für junge, sowie für bereits ausgebildete Pferde angewendet werden.

Kapitel 1 & 2: Hilfsmittel und Vorbereitung

Zu Beginn erklären Jenny und Peer ihre favorisierte Ausrüstung für die weiteren Trainingsschritte. Wie auf dem Cover zu erkennen, wird hier vorwiegend mit einem Knotenhalfter geritten. Dadurch, so die Autoren, können jegliche Signale unvermittelt und 1 zu 1 übertragen werden. Besonders hervorheben möchte ich das Thema gebisslos Reiten:

„Freiheit bringt Sicherheit? Dieser Gedanke lässt bestimmt viele Reiter erbleichen. Ganz besonders im heutigen Zeitalter von Helmen, Sicherheitswesten, Protektoren, Hilfszügeln und Durchgängergebissen.“ (Wild & Claßen, 2017, S.5)

„Man kann es nicht oft genug betonen: Nicht Kraft, Hebelwirkung und kleinliche Kontrollen machen uns sicher, sondern die Verständigung und eine wirkliche Verbindung zum Pferd können Gefahren wirksam minimieren. Ein Pferd, das mitdenkt, sich sicher fühlt und sich entspannen kann ist eine viel effektiviere Lebensversicherung als ein scharfes Gebiss und Kontrolle durch Schmerz. Gebisse deswegen generell zu verteufeln, ist sicher nicht die einzig logische Konsequenz. Auch mit einem Gebiss kann man sicher und fein reiten. Trotzdem haben wir uns entschieden, unsere Pferde gebisslos zu reiten […]“ (Wild & Claßen, 2017, S. 15)

Im Anschluss an die passende Ausrüstung folg die korrekte Basis vom Boden aus. Dabei werden erneut fundamentale Trainingsschritte aus dem vorherigen Buch Übungsbuch Natural Horsemanship (zur Rezension) aufgegriffen und kurz erklärt. Dabei wird vor allem deutlich, wie wichtig eine ausgewogene Bodenarbeit für die späteren Arbeitsschritte vom Sattel aus ist. Mit den Schlagworten Energie, Fokus, direktes & indirektes Gefühl, der Steigerung von Energie, Fragen zu Ende stellen und zu guter letzt das passende Timing – werden nochmal kurz die Grundlagen wiederholt und anschaulich erklärt.

Kapitel 3: Sicher in den Sattel

Dieses Kapitel hat mich gleich gefesselt. Angst ist ein häufiger Begleiter beim Reiten – nicht jeder hat sie – doch viele werden wissen, wie es sich anfühlt Angst auf dem eigenen Pferd zu bekommen. Wie man sich selbst wirklich sicher fühlen kann und dem Pferd dadurch die notwendige Sicherheit übertragen kann, erklärt dieses Kapitel. Dabei werden durch konsequente aber dennoch stets faire und feinfühlige Trainingseinheiten Methoden ausgezeigt, die für die unverzichtbare Kontrolle beim Reiten sorgen. Auf der Basis der seitlichen Halsbiegung und der Verschiebung der Hinterhand, kann das Pferd auch in brenzlichen Situationen zuverlässig angehalten werden. Wie genau man diese Variante des „Not Stops“ trainiert und was es dabei unbedingt zu beachten gibt, damit es auch funktioniert erfährt man auf den folgenden Seiten des 3. Kapitels.

 

„Kopf einschalten – Der größte Vorteil liegt jedoch nicht darin, dem Pferd kräftemäßig überlegen zu sein – das sind wir auch mit der Biegung der Längsachse nicht. Das Schöne ist vielmehr, dass sich beinahe unmittelbar mit der körperlichen auch die mentale Starre auflöst und ihr Pferd Ihnen zuhören kann.“ (Wild & Claßen, 2017, S. 48)

Ein weiterer Pluspunkt in diesem Kapitel stellt die Idee mit den Checklisten dar. Ein häufiger Fehler im Pferdetraining ist die Tatsache, dass man zu schnell zu viel verlangt und das Training damit unkoordiniert und ineffektiv wird. Durch die Verwendung von Checklisten kann man sich vorab genau das Vorgehen überlegen und Schritt für Schritt abarbeiten. Im Buch wird das Vorgehen anhand der Thematik „Satteln“ erklärt und eine Beispielcheckliste vorgestellt.

Kapitel 4 & 5: Grundübungen und Zusammengesetzte Übungen

Jetzt wird es ernst. Die nachfolgenden Übungen vom Sattel aus zeigen Stück für Stück wie es geht. Harmonisch, sicher und frei reiten beginnt bereits bei der Basis – das losreiten und anhalten.

„Nicht ziehen und nicht treiben – das sind Voraussetzungen für eine gemeinsame, harmonische Bewegung. Der Grundstein dafür liegt in weichen Übergängen.“ (Wild & Claßen, 2017, S. 97)

Nachfolgend wird der Schwierigkeitsgrad langsam gesteigert: Rückwärtsrichten, Vorhand- und Hinterhandwendung und Gangartwechsel werden ausführlich behandelt. Dabei wird ein besonderer Fokus auf den Sinn und das Ziel der jeweiligen Übung gelegt. Auch mögliche Probleme und Fehler werden erläutert und deren Lösung dargelegt.

Im 5. Kapitel werden durch anschauliche Übungen mentale Bilder vermittelt und somit der Fokus auf eine gymnastizierend spur sichere Reitweise gelegt. Durch verschiedene Fokuspunkte kann somit effektiv gerade oder im Kreisbogen geritten werden. Ganz ohne Zwang und starke Zügeleinwirkung lernen damit Pferd und Reiter harmonisch zu agieren.

„Das Pferd lernt, größtenteils selbstständig einen Zirkel beizuhalten. Es achtet auf ihren Fokus und lernt, „auf dem Kreis bzw. an einem Kreis zu denken“.“ (Wild & Claßen, 2017, S.164)

Kapitel 6: Weitere Herausforderungen

Durch genügend Abwechslung und steigende Anforderungen bleibt das Pferd motiviert und die Vertrauensbasis wird mit jeder neuen Herausforderung gestärkt. So gibt das letzte Kapitel zahlreiche Ideen für weitere Trainingseinheiten. Egal ob Hindernisse, das Weglassen von weiterer Ausrüstung und gezielter gymnastizierender Übungen – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. So stellt auch das 6. Kapitel ein I-Tüpfelchen und damit einen gelungenen Abschluss des Buches dar.

Fazit

Abschließend kann ich nur sagen: Bravo! Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einem fairen und artgerechten Umgang mit Pferden. Die tiefgründige und fachlich kompetente Verbindung aus Bodenarbeit und deren Übertragung in den Sattel ist hier durchaus gelungen. Einen Pluspunkt gibt es vor allem für die gebisslose Reiterei und die umfassende und gut durchdachte Bebilderung in Kombination mit den tollen Lehrvideos.

Ich kann es nicht leugnen – ich bin ein absoluter Fan von Jenny Wild und Peer Claßen. Bereits die ersten zwei Bücher haben mich tief bewegt und mein Verständnis vom Umgang mit meinem Pferd komplett verändert. Die beiden haben einfach so eine unglaublich tiefgreifende und dennoch stets faire und offene Art zu schreiben. Obwohl Sie sich dem Natural Horsemanship verschrieben haben, verteufeln Sie keine andere Denkweisen. Nein ganz im Gegenteil, Sie weisen sogar ausdrück daraufhin, dass verschiedene Ansätze zu kombinieren zum Erfolg führen kann. Es gibt nur wenig Pferdebücher, deren Worte ich vollends zustimmen kann. Doch dieses Buch zählt definitiv dazu. Ich kann nur jedem Pferdemenschen raten – lesen & ausprobieren – ihr werdet genauso begeistert sein, wie ich.

Infos zum Buch
Originaltitel:Sicher & frei reiten – mit Natural Horsemanship
Autor:Jenny Wild & Peer Claßen
Verlag: KOSMOS
Ort: Stuttgart
Jahr:2017
ISBN: 978-3-440-14595-1

Komplette Reihe:
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Buchrezension: Horsemanship Training

Die Autorin Kerstin Diacont arbeitet bereits seit mehr als 25 Jahren mit einem ganzheitlichen Ausbildungskonzept von Pferd und Reiter. Dabei greift sie auf ihr umfassendes und vor allem reitweisenübergreifendes Wissen zurück. Besonders bekannt ist auch ihre 3 teilige Videoserie zum Thema „Reiten lernen“.  In ihrem neuesten Buch: Horsemanship-Training (Die Reitschule) vor geht es vor allem um eine feine und aufmerksame Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Die vorgestellten Übungen aus dem Bereich des Natural Horsemanship (NHS) stellen dabei die Basis für ein erfolgreiches Pferdetraining, vom Boden und Sattel aus, dar.


Das handliche Taschenbuch mit Softcover-Einband gehört zur Müller Rüschlikon Serie: Die Reitschule und umfasst 94 Seiten. Dabei ist es ansprechend bebildert und sehr übersichtlich in 4 zentrale Kapitel untergliedert. Im 1. Kapitel werden einige Grundlagen zum Verständnis des NHS-Prinzips und die damit verbundene Denkweise erläutert. Anschließend wird die notwendige Ausrüstung betrachtet. Im 3. Kapitel geht die Autorin nochmal ausführlich auf die unterschiedlichen Lernschwerpunkte getrennt zwischen Mensch und Pferd ein. Das letze Kapitel stellt die konkreten Übungen vor und macht den größten Teil es Buches (ca 56 Seiten) aus.

Kapitel 1: Grundsätzliches

Zunächst erläutert die Autorin einige Aspekte zum Grundverständnis der Denkweise des Horsemanship. Dabei wird vor allem die zentrale Rolle der erfolgreichen Kommunikation erläutert.

„Gute Kommunikation bedeutet auch nicht, dass einer immer nur zuhört (empfängt) und der andere immer nur redet (sendet). Stattdessen ist wechselseitiges Zuhören gefragt, dazu Konzentration, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sowie gegenseitiger Respekt.“ (Diacont, 2016, S. 5)

Viele Probleme in der Ausbildung von Mensch und Pferd resultieren aus kommunikativen Missverständnissen.

„Wie schon im zwischenmenschlichen Bereich kommt es zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten, die im Allgemeinen dem Pferd als Ungehorsam oder Aufsässigkeit ausgelegt werden. Oft sind es jedoch nur unklare Signale oder inkonsequentes Verhalten des Menschen, die dazu führen, dass das Pferd das Vertrauen in die >>Führungskompetenz<< des Reiters verliert und selbst entscheidet, was zu tun ist.“ (Diacont, 2016, S. 5)

Kerstin Diacont erklärt in diesem Kapitel zudem ausführlich, wie wichtig die mentale Ebene bei der Arbeit mit Pferden ist. Gedanken oder eine negative Grundeinstellung können bereits falsche Signale an das Pferd senden. So können sich beispielsweise Gefühle wie Angst direkt auf das Pferd übertragen. Die regelmäßige Arbeit vom Boden aus schafft somit eine feste Basis der Kommunikation.

“ Mensch und Pferd finden ohne Stress eine gemeinsame Basis der Verständigung und lernen die jeweilige Sprache des anderen besser kennen.“ (Diacont, 2016, S. 6)

Sehr lobenswert ist die allgemein positive Grundeinstellung des gesamten Buches. Das Pferd wird hier keinesfalls als untergeordnet angesehen, das den „Befehlen“ folgen muss. Es wird hier vielmehr ein Weg aufgezeigt, der durch Hartnäckigkeit, Geduld und Verständnis trotzdem zum Ziel führt. Mein absolutes Lieblingszitat in diesem Zusammenhang ist:

„Eine strenge Erziehung bedeutet nun auf keinen Fall Brutalität gegenüber dem Pferd, sondern immer nur ruhige, beherrschte Unnachgibigkeit, eine Art von lächelnder Sturheit seitens des Menschen nach dem Motto: >>Lass dir Zeit, soviel du willst – am Ende machst du doch das, was du sollst.<<“ (Diacont, 2016, S. 17).

Sehr ausführlich wird die Thematik des Strafens behandelt. Es werden verschiedene Stufen von der Ermahnung bis zu Maßregelung vorgestellt. Wichtig hierbei auch die Emotionslosigkeit (s. 17) und das antrainieren der richtigen Reflexe (S. 18) um schnell zu reagieren. Sehr schön finde ich auch das Zitat:

„Ein Pferd kann man nicht antiautoritär erziehen – das entspricht nicht seiner Natur.“ (Diacont, 2016, S. 19)

Dabei geht es keinesfalls darum, stehts und ständig Strafen anzuwenden. Die Autorin weist lediglich daraufhin, dass man dem Pferd keinen Gefallen tut, indem man rücksichtsloses Verhalten, welcher Art auch immer, durchgehen lässt. Vielmehr fühlt sich ein Pferd dann sicher, wenn ihm faire und vor allem kontinuierliche Grenzen gesetzt werden. Nur dann kann es dem Menschen voll und ganz Vertrauen. Das gelingt jedoch nur, wenn im richtigen Moment auch mal gemaßregelt wird – denn ein Pferd, dass Sie nicht kontrollieren können – wird zu einer Gefahr für Sie und Ihre Umwelt.

Kapitel 2: Ausrüstung

In diesem Kapitel wird das Rad natürlich nicht neu erfunden. Empfohlen wird für die Arbeit nach NHS ein Knotenhalfter, ein Führstrick (3,5 m), wahlweise ein Sidepull oder ein Kappzaum,  und eine Longe. Die Autorin geht hier sowohl kurz auf den korrekten Sitz, als auch auf die Wirkungsweise ein. Allerdings ist dieser Abschnitt wirklich sehr kurz. Wer sich tiefer damit beschäftigen möchte, sollte sich weitergehend über die jeweilige Zäumung informieren, Das kann vor allem beim Knotenhalfter notwendig sein, um den korrekten Sitz richtig einzuschätzen.

Kapitel 3: Was Mensch und Pferd lernen sollen

Ein sehr schönes Kapitel, dass unterteilt in Mensch und Pferd die jeweiligen Trainingsschwerpunkte erklärt. Dabei ist vor allem der 1. Teil interessant, bei dem es um die notwendigen Qualifikationen des Menschen geht. Es werden sowohl mentale Fähigkeiten, als auch körperliche vorgestellt. Führungsqualitäten, Körperbeherrschung, sowie Kenntnisse „über Anatomie, Psychologie und Kommunikationsmechanismen bei Mensch und Pferd“ (Diacont, 2016, S. 33) sind hierbei die wichtigen Stichworte.

Kapitel 4: Übungsteil

Dieses Kapitel startet zunächst mit einigen wichtigen Grundlagen im Bezug auf die eigene Körperbeherrschung. Verdeutlicht werden diese durch Trockenübungen mit anderen Menschen.

„Üben Sie >>Führen und Folgen<< mit einem Partner; führen Sie selbst und lassen Sie sich führen – mit Körperkontakt (direkt und über eine simulierte Zügelverbindung mit einem Seil) un ohne, nur mit Augenkontakt“ (Diacont, 2016, S. 46)

Anschließend werden die Grundlagen nach Moto „wer bewegt wen erläutert. Dabei hat das Pferd 6 Möglichkeiten sich zu bewegen:

„nach vorne, nach hinten, zur Seite (rechts oder links), nach oben, nach unten“ (Diacont, 2016, S. 54)

Anschließend werden verschiedenste Übungen vorgestellt, die es dem Mensch ermöglichen das Pferd punktgenau zu koordinieren und einzelne Körperpartien in die 6 möglichen Richtungen zu bewegen. Der nachfolgende Abschnitt Longenarbeit leitet das Thema Gymnastizierung ein. Jetzt geht es nicht mehr nur darum, das Pferd zu bewegen, sondern wie es sich bewegt. Es werden Übungen vorgestellt, die eine gesundheitserhaltende Wirkung auf den Körper des Pferdes haben.

Im Anschluss werden die Übungen noch durch Trail und Hindernisarbeit aufgelockert. Der Abschnitt zum Thema Verladen stellt einfallsreiche Übungen vor, die eines der häufigsten Probleme zu bewältigen helfen.

Fazit

Insgesamt handelt es sich hier um ein sehr schönes und leichtverständliches Einführungsbuch in die Thematik des Natural Horsemanship. Es werden sehr wertvolle Denkansätze und leichte Übungen für den Beginn der Arbeit vorgestellt. Wer allerdings bereits Kenntnisse auf dem Gebiet hat, wird in diesem Buch wenig Neues finden. Die vorgestellten Übungen sind gut erklärt, allerdings gehen sie nicht wirklich in die Tiefe, vor allem was den Bereich Gymnastizierung oder auch die Ausrüstung angeht. Für Einsteiger, Umsteiger oder Neuinteressierte ist dieses Buch jedoch auf jeden Fall zu empfehlen. Es leicht verständlich und beinhaltet viele schöne Denkansätze, die die Einstellung des Lesern nachhaltig beeinflussen werden. Dabei gefiel mir am Meisten der Abschnitt zur Thematik der Autorität bei der Erziehung.

 

Infos zum Buch
Originaltitel:Horsemanship Training
Autor:Kerstin Diacont
Verlag: Müller Rüschlikon Verlag
Ort: Stuttgart
Jahr:2016
ISBN: 978-3-275-02058-4

Interview mit NHS Trainerin und Autorin Jenny Wild

Jenny Wild ist Natural Horsemanship Trainerin mit Leib und Seele. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Peer Claßen gibt Sie Kurse und legt dabei Fokus auf eine tiefe Vertrauensbasis und eine echte Freundschaft zwischen Pferd und Mensch.

Sie hat bereits zwei Bücher geschrieben: Von Pferden lernen, sich selbst zu verstehen (zur Rezension) und das Übungsbuch Natural Horsemanship (zur Rezension). Ich habe die Chance genutzt und ihr ein paar Fragen zu ihren Büchern und ihrem Leben mit den Pferden gestellt.


Linda: Hallo Jenny. Vielen Dank, dass du dir etwas Zeit nimmst, um mir und den Lesern ein paar Fragen zu beantworten. Wie bist du eigentlich zum Natural Horsemanship gekommen und gab es einen Trainer oder Mentor, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Jenny: Hallo Linda, erst einmal ganz lieben Dank, dass du mich eingeladen hast, dieses Interview mit dir zu führen! Deine interessanten Fragen haben mich sehr motiviert!

Mit dem Natural Horsemanship ging es mir, wie den meisten anderen auch, mein damaliges Pferd Paul ging nicht auf den Pferdeanhänger und so brauchte ich eine Lösung. Meine Freundin hatte das gleiche Problem und so kamen wir durch glückliche Umstände an das Heimstudium für den Level 1 von Parelli und haben in ziemlich kurzer Zeit unsere Level Abnahme per DVD bestanden. Das Beeindruckende für mich war die Erkenntnis, dass ich natürlich nicht nur ein Verladeproblem mit meinem Paul, sondern noch sehr viele andere, teilweise ziemlich gravierende Probleme und Wissenslücken hatte. Fasziniert hat mich aber vor allem, dass ich auf einmal eine Möglichkeit hatte, viele Probleme autodidaktisch zu lösen. Es war eine der besten Errungenschaften überhaupt, dass es auf einmal nicht mehr nur um Probleme, sondern vor allem um tolle Ziele ging, die zu erreichen ich  mir kurz vorher noch gar nicht hätte träumen lassen. Natürlich reichte uns das Heimstudium nicht aus, und so besuchten wir unzählige Kurse bei vielen namhaften Horseman, angefangen mit Birger Gieseke, und im Laufe der Jahre bei Ralf Heil, Honza Blaha, Silke Vallentin, Karen Rohlf, Ian Benson, Alfonso Aguilar, Thomas Günther, Buck Brannaman, Jean- FranciosPignon und noch einigen anderen! In Erinnerung geblieben sind sie mir alle und ich weiß, dass mein heutiges Wissen eine Zusammensetzung ist aus vielem, was ich bei diesen Menschen gelernt habe. Besonders beeindruckt und beeinflusst hat mich aber auf jeden Fall Jean- FranciosPignon! Er hat mich und Peer so tief mit in die Welt der Pferde genommen, dass ich es gar nicht beschreiben kann. Ich bin so froh, dass wir die Möglichkeit hatten 5 Tage seiner Arbeit beizuwohnen – auf 2 Kursen und einem tollen Demotag!


Linda: In deinem Buch „Übungen Natural Horsemanship“ beschreibst du, dass es drei Arten von NEIN-Reaktionen seitens des Pferdes gibt. Woher weiß ich, welche davon zutrifft?

Jenny: Diese Frage ist nicht ganz so leicht zu beantworten, denn zu erkennen, welches NEIN mein Pferd mir gerade sagt, verlangt schon eine Menge Beobachtungsgabe, Erfahrung und Gefühl. Grundsätzlich ist es erst einmal wichtig, überhaupt zu erkennen, dass das Pferd mir NEIN sagt, denn dies ist eine Aussage, die ich unbedingt ernst und wichtig nehmen sollte, denn sie impliziert, dass etwas für mein Pferd nicht in Ordnung ist. Man hört so häufig Aussagen wie: „Er hat mal wieder keinen Bock!“ oder „Er stellt sich mal wieder mal an!“ In noch heftigeren Fällen sieht man Menschen, die mit Gerten, Sporen und Stimme auf ihr Pferd „einwirken“, um es zu irgendetwas oder irgendwohin zu bewegen, ohne auch nur ansatzweise darüber nachzudenken, dass es einen Grund geben könnte, dass das Pferd den „Wunsch“, besser wohl den Willen des Reiters, nicht einfach so umsetzt.

Ich kann immer nur wieder betonen, wie wichtig es ist, sein Pferd immer genau zu beobachten und zu lernen sein Pferd richtig zu lesen! Es gibt kaum etwas was so unfair ist, wie Fehlinterpretationen, die selten zum Ziel aber häufig zu weiteren Problemen führen. Sowohl in unserem neuen Übungsbuch, aber vor allem auch in unserem Kurs „Pferde verstehen und motivieren“ beschäftigen wir uns sehr ausführlich mit dem Thema „Pferde lesen“! Es macht so einen unglaublichen Unterschied, auf einmal in der Lage zu sein, die kleinen Zeichen des Pferdes zu lesen und eine Bedeutung dahinter zu erkennen! Kleine Zeichen werden auf einmal wichtig und schaffen riesige, positive Veränderungen. Hier geht es den Pferden natürlich genau wie uns Menschen. Man fühlt sich am besten, wenn man verstanden wird.

Zum besseren Verständnis gehe ich gerne noch mal etwas genauer auf die 3 NEINS ein:

NEIN, das kann ich nicht! Hierfür kann es verschiedene Gründe geben: Wenn das Pferd körperliche Probleme hat, die ihm Schmerzen bereiten, wird es viele vom Menschen gestellte Aufgaben nicht entspannt und motiviert ausführen können, weil es einfach körperlich dazu nicht in der Lage ist. Pferde sagen uns immer die Wahrheit! Wenn unser Pferd sich also weigert bestimmte Dinge zu tun, die es entweder in der Vergangenheit schon geschafft hat, oder die nicht besonders schwierig sind, sollte ich erst einmal prüfen, ob körperlich alles in Ordnung ist. Natürlich können aber auch seelische Probleme ein Grund für diese Art von Nein sein. Ein gutes Beispiel ist sicherlich immer der Anhänger. Hier sagen die Pferde selten NEIN, weil ihnen das Verladen Schmerzen bereitet, aber vielleicht verbinden sie Schmerz, ganz sicher aber Ängste mit dem Hänger! Eine weitere Variante für dieses NEIN könnte sein, dass ich mein Pferd schlichtweg überfordere: Wenn ich meine Amy, die gerade so über eine Tonne springen kann, fragen würde, ob sie über einen 1,60 m Oxer springen würde, wäre ihre Antwort garantiert: NEIN, das kann ich nicht! Und wie jedem klar sein dürfte, ist dies nicht böse gemeint, sondern ganz schlicht und einfach ein Fakt. Ihr könnt mich auch gerne mal fragen, ob ich einen Spagat kann…

NEIN, das weiß ich nicht! Dieses NEIN sagen Pferde sehr häufig, wenn sie mental und emotional überfordert sind oder der Mensch sich einfach zu undeutlich ausdrückt. „Andere Pferde machen das doch auch!“, hilft hier sicherlich genauso wenig weiter, wie: „Ich will aber, dass du das jetzt tust!“  Wir sehen leider so häufig Menschen, die ihren Pferden Aufgaben stellen, bei denen die Hilfengebung nach außen hin für Peer und mich schon überhaupt nicht zu erkennen ist. Nicht weil die Menschen so gut sind und die Hilfe schon fast unsichtbar ist, sondern weil die Frage so unlogisch und häufig sogar einfach falsch ist, dass eine richtige Antwort nur reiner Zufall sein kann. Ich persönlich kann jedem nur raten, sehr gut zu werden in seiner Körpersprache und in seinem Körpergefühl. Wenn das Pferd etwas nicht versteht, liegt es nicht am Pferd, sondern immer an uns! Im Übrigen macht es auch extrem viel Spaß seinem Pferd mit viel Gefühl und Empathie zu erklären, was man eigentlich von ihm möchte. Es wird nicht sehr lange dauern, bis aus dieser Art von NEIN ein motiviertes JA wird!

NEIN, ich mache es nicht! Auch dieses NEIN hat vorrangig etwas mit uns zu tun, weil das Pferd uns schlicht und ergreifend nicht glaubt! Jean- FranciosPignon hat immer gesagt, dass Pferdeuns ständig EINE Frage stellen: „Bist du wirklich stark?“ was so viel heißt, wie.„Kann ich mich wirklich auf dich verlassen?“ Dies ist die Natur des Pferdes und es bedeutet für dieses quasi wirklich sein Todesurteil, wenn es sich in inkompetente Hände begibt (zumindest aus Pferdesicht gesehen – für die Menschen, die nicht an sich arbeiten, kann es leider auch schnell mal umgekehrt sein). Wenn das Pferd also in solchen Fällen das Handeln verweigert, liegt es mit großer Wahrscheinlichkeit daran, dass es dem Menschen einfach nicht glaubt und ihn nicht genügend wahrnimmt. Es respektiert seinen Menschen also nicht (Respekt = Wahrnehmung). Das Pferd sagt nicht: „Ich bin besser als du!“, oder: „Ich bin mir so sicher!“, sondern ganz im Gegenteil sagt es: „Du bist nicht gut genug, um mir Sicherheit zu geben und ohne einen starken Partner bin ich auf mich allein gestellt, was mir Angst macht!“ Die Energie, die Menschen in solchen Situationen aufbringen, wird das Pferd in der Regel zu Flucht- oder Angriffsreaktionen veranlassen. Wie auch zuvor kann ich nur jedem raten hier viel an sich zu arbeiten und niemals dem Pferd die Schuld zu geben!


Linda: Wenn ich meinem Pferd eine Frage stelle, dann soll ich diese stets bis zu Ende stellen, aber wie lang darf ich mich tatsächlich mit einer Übung befassen und wann sollte ich besser abbrechen, um mein Pferd nicht zu überfordern?

Jenny Wild 3

Jenny bei der Arbeit

Jenny: Hier kann ich dir erst einmal nur die Standardantwort geben: „Es kommt drauf an!“ Es gibt meistens Extremata unter den Pferdeleuten. Die einen sind zu schnell sauer und werden wütend auf ihr Pferd, wenn es nicht so reagiert, wie sie es gerne hätten, die anderen haben Angst ihrem Pferd weh zu tun, wenn sie konsequent sind. Wie bei den meisten Extremfällen ist beides weder sinnvoll noch gerecht für das Pferd. Die Menschen, die ohne vorher nett und freundlich mit viel Gefühl ihre Frage zu stellen, gleich viel Druck machen, werden ihrem Pferd sicher Angst machen und es im schlimmsten Fall irgendwann mental, emotional und physisch abstumpfen. Die Menschen, die Angst haben konsequent zu sein und Fragen tatsächlich zu Ende zu stellen, werden in der Summe leider viel mehr Energie aufwenden und immer schlechtere Antworten bekommen, weil sie ihr Pferd schlicht und ergreifend desensibilisieren. „Das was ich sage, hat eigentlich keine Bedeutung!“ Es strahlt für das Pferd Unsicherheit aus, weil der Mensch sich nicht sicher ist, ob es richtig oder falsch ist, was er gerade tut. Die Desensibilisierung kann leider sogar dazu führen, dass Pferde beginnen Schmerzen zu ertragen. Die fehlende Konsequenz lässt sie ausharren. Das Resultat ist dann, dass die Menschen, die Angst haben ihrem Pferde weh zu tun, ihm viel mehr wehtun! Und hier kann ich nur wieder auf das Zitat von Jean- FranciosPignon hinweisen, in welchem das Pferd für seine eigene Sicherheit nach einem starken Partner sucht, der weiß, was er tut, ohne sauer zu werden! Die Grunddevise sollte immer lauten: freundlich aber bestimmt!

Wenn ich mit meinem Pferd in eine Situation gerate, wo z. B. äußere Einflüsse oder der emotionale Zustand des Pferdes die Aufgabe, in welcher wir gerade stecken, unmöglich macht, ist es überhaupt kein Problem, diese vorzeitig zu beenden und sich viel besser um die gemeinsame Sicherheit zu kümmern. Das Pferd wird sich nicht merken: „Ach so, ich brauche nur Todesangst zu bekommen und schon hört mein Mensch auf!“ Aber es wird wissen, dass der Mensch die Situation gut eingeschätzt hat, und dem Pferd im Endeffekt helfen konnte. Das ist wichtiger als jede Aufgabe und Übung.

Ein anderes Problem kann aber auch sein, dass der Mensch das Gefühl hat, er müsse Aufgaben so lange mit dem Pferd üben, bis diese perfekt sitzen. Das frustriert beide Seiten und wird das Pferd irgendwann dazu zwingen die Kompetenz des Menschen in Frage zu stellen. Jeder kleine Versuch in die richtige Richtung sollte belohnt werden. Je kürzer die Einheiten und je größer die Bestätigung, umso schneller wird der Lerneffekt eintreten. Pferde lernen so viel schneller als wir denken und meistens wissen sie beim nächsten Mal ganz genau, was wir von Ihnen wollen. Es sollte jedem Menschen bewusst sein, dass Pferde IMMER lernen! Wenn wir also inkonsequent und inkompetent in unseren Fragen sind, wird das Pferd in allerkürzester Zeit wissen, was es von uns zu halten hat und sich dementsprechend verhalten. Aber hier geht es uns Menschen ja ganz genauso…


Linda: Wie viel Zeit genau sollte ich meinem Pferd zum Rückzug als Belohnung geben? Und muss es während dieser Zeit mit der Aufmerksamkeit bei mir sein, oder darf es sich beispielsweise abwenden und Fressen?

Jenny: Was denkst du, wie meine Antwort lautet? „Es kommt drauf an!“ Grundsätzlich vielleicht: Je schwerer es dem Pferd gefallen ist die Lösung zu finden und je länger es gedauert hat, umso länger sollte auch die Belohnung sein! Jeder kann nur für sein Pferd herausfinden, wie viel Rückzug sinnvoll und vor allem notwendig ist. Meine Devise ist immer, dass es nie zu viel Rückzug geben kann! Er bringt uns und das Pferd aus der Situation und der Aufgabe heraus, verhilft uns zum Entspannen und zum Nachdenken. Ein kurzer Rückzug könnte z. B. sein, wenn man einfach mal kurz von der Aufgabe weggeht, sofort wieder zurück kehrt und dann gleich erneut fragt. Ein größerer Rückzug kann aber gut auch einige Minuten dauern. Insgesamt spielt auch die Persönlichkeit des Pferdes eine große Rolle. Introvertierte Pferde brauchen einen viel größeren und längeren Rückzug als extrovertierte Pferde. Im besten Fall sollten auch wir Menschen uns von diesen Pferden zurück ziehen, damit sie in der Lage sind sich zu entspannen und über die Aufgabe nachzudenken. Bei extrovertierten Pferden kann der Rückzug bedeuten, dass es sich bewegen oder spielen darf. In der Regel fällt es diesen Pferden danach viel leichter, sich wieder auf die Aufgabe zu konzentrieren! Auch an dieser Stelle kann ich nur auf unseren Kurs „Pferde verstehen und motivieren“ verweisen, in welchem diese Thematik, gerade auch was intro- und extrovertierte Pferde angeht, nur wärmstens empfehlen. Der Rückzug sollte auf jeden Fall so lange dauern, bis das Pferd ein positives Zeichen von Entspannung oder anderer Veränderung zeigt, dann kann ich weiter machen!


Linda: Eine Frage, die mir persönlich sehr am Herzen liegt, wie schaffst du es in schwierigen Situationen mit dem Pferd, nicht emotional zu werden und dabei nicht überzureagieren?

Jenny: Ich freue mich, dass du diese Fragen stellst, weil ich mir sicher bin, dass diese Fähigkeit eine der aller schwierigsten Dinge darstellt, die wir Menschen überhaupt lernen können! Und ehrlich gesagt habe ich auch bis jetzt nur einen Menschen gesehen, der es hinbekommt!

Als mir klar geworden ist, dass es für Menschen nichts einfacheres gibt, als Pferden Angst zu machen und es auf der anderen Seite kaum etwas schwierigeres gibt, als zerstörtes Vertrauen wieder aufzubauen, habe ich mir noch mehr Mühe gegeben, nicht emotional zu werden. Was mir auf jeden Fall sehr viel hilft ist der Grundtenor meines ersten Buches „Von Pferden lernen sich selbst zu verstehen“, indem ich darüber nachdenke, was es für mich bedeutet, wenn jemand mein Vertrauen missbraucht hat, und wie lange es dauert, bis ich diesem Menschen wieder wirklich vertrauen kann!

Wenn ich merke, dass ich es nicht mehr schaffe, geheich, wenn möglich, so lange woanders hin und lasse mein Pferd in Ruhe, bis ich meine Emotionen wieder im Griff habe! Oder ich gebe uns beiden eine entsprechende Pause, wenn ich an einem Ort bin, wo ich mich nicht von meinem Pferd und meinen Gefühlen zurückziehen kann. Ich weiß natürlich, dass es immer so viel leichter gesagt, als getan ist, und Peer und mir passiert es natürlich auch andauernd, dass wir merken, wie die Emotionen Überhand nehmen und man die Situation bzw. sich selbst, nicht mehr so unter Kontrolle hat, wie man es gerne hätte. Das ist nun einmal menschliches Verhalten. Aber genau dieses Verhalten führt ja auch in allen anderen Beziehungen regelmäßig zu Streit und schlechten Gefühlen! Hier empfinde ich es als extrem wichtig zu merken, dass man unfair war und danach weiter an sich selbst arbeitet, um beim nächsten Mal besser zu reagieren. Niemand ist perfekt, wenn man aber stark genug ist eigene Fehler zu erkennen und etwas an sich zu ändern ist man auf einem guten Weg ein guter Pferdemensch zu werden!


Linda: Ich war von deinem ersten BuchVon Pferden lernen, sich selbst zu verstehen: Durch Selbsterkenntnis zu mehr Pferdeverständnis” (zur Rezensionebenfalls sehr begeistert. Dabei gefällt mir vor allem dein Umdenken, Pferde nicht in Menschenschemata rein zwängen zu wollen, sondern sich selbst stetig zu reflektieren und an die Pferdewelt anzupassen. Wie kamst du zu diesen Erkenntnissen und was hat dich dabei inspiriert?

Jenny: Man hört so oft, wie unterschiedlich Pferde und Menschen sind. Dies begründet sich daraus, dass Pferde Fluchttiere und wir Jäger und Sammler sind, also keine reinen Raubtiere, aber auch keine reinen Fluchttiere. Und genau hier liegt der Punkt. Dieser Unterschied begründet sich vor allem in der Tierordnung und den artspezifischen Merkmalen. Das Pferd ist jedoch nicht nur ein Fluchttier sondern auch ein Herdentier und somit genauso wie der Mensch ein gesellschaftliches Wesen, dass auf das Zusammensein mit der Gruppe angewiesen ist. Hieraus ergeben sich extrem viele Gemeinsamkeiten, die leider häufig gar nicht betrachtet werden. Während der letzten Jahre ist mir in unseren Kursen immer mehr klar geworden, dass wir nicht an den Pferden, sondern an uns selbst arbeiten müssen, und dass es für uns Menschen extrem viel leichter ist, sich in das Pferd hinein zu versetzen, wenn wir selbst versuchen zu fühlen, wie sich Angst, Unsicherheit, Hunger, Neugierde, Eifersucht, Zuneigung, etc. anfühlen. Dies sind nämlich Gefühle, die Pferde ebenso wie Menschen fühlen. Ich kann mir sehr viel besser vorstellen, was es für das Pferd bedeutet in den Pferdehänger zu steigen, wenn ich mir vorstelle, wie ich mich dabei fühlen würde, wenn mich drei Personen auf den 10 Meter Turm im Schwimmbad zwingen und dann runter schmeißen würden! Wahrscheinlich wäre ich beim nächsten Mal nicht entspannter, wenn diese Aufgabe käme und wahrscheinlich würde ich schon vermeiden überhaupt ins Schwimmbad zu gehen, wenn ich eben diese Leute und den 10 Meter Turm schon von Weitem sehen würde!

Mir hat es extrem geholfen mir vorzustellen, wie ich mich in entsprechenden Situationen fühlen würde und vor allem, was Pferd und Mensch helfen kann und so kam ich auf die Idee, dieses Buch zu schreiben.


Linda:  Noch eine letzte Frage, planst du oder ihr ein weiteres Buch?

Jenny: Peer schreibt schon seit einigen Jahren an seinem „ersten“ Buch. Im Moment findet er leider wenig Zeit daran weiter zu schreiben, aber ich bin mir sicher, wenn er es mal irgendwann fertig hat, wird es ein Buch sein, was es bisher so noch nicht gegeben hat.

Nach unserem Übungsbuch für die Grundlagen am Boden, wären natürlich noch mindestens 2 Bücher sinnvoll, über die weiterführenden Übungen und über die Grundlagen beim Reiten, aber da haben wir noch nichts Konkretes geplant! Jetzt ist erst einmal alles so spannend, wegen meines ersten Buches und vor allem wegen unseres gemeinsamen Übungsbuches, auf welches wir extrem stolz sind!

Deine Jenny

Buchrezension: Von Pferden lernen, sich selbst zu verstehen von Jenny Wild

Jenny Wild ist Natural Horsemanship Trainerin mit Leib und Seele. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Peer Claßen gibt Sie Kurse und legt dabei Fokus auf eine tiefe Vertrauensbasis und eine echte Freundschaft zwischen Pferd und Mensch. Sie hat bereits zwei Bücher geschrieben: Von Pferden lernen, sich selbst zu verstehen
und das Übungsbuch Natural Horsemanship (zur Rezension). Im folgenden möchte ich ihr erstes Buch rezensieren.


„Von Pferden lernen, sich selbst zu verstehen“ – Ein bezauberndes Buch, welches auf charmante Art und Weise den Leser die eigenen Fehler erkennen lässt und ihn damit galant zum Umdenken anregt.

„Ich würde mir wünschen, dass ich die Leser meines Buches auch zum Nachdenken anregen kann. Eventuell sehen sie einige Dinge später mit anderen Augen und verhelfen damit automatisch ihren Pferden zu einem besseren Leben.“ (S.12)

Jenny Wild vereint in diesem Buch psychologische und verhaltensbiologische Aspekte mit ihrem ganz persönlichen Erfahrungen als Natural Horsemanship (NHS) Trainerin und stellt dabei Parallelen zum menschlichen Verhalten her. Die Ausflüge in wissenschaftliche Aspekte sind dabei stets allgemein verständlich geschrieben und ergänzen dabei sinnvoll die Prinzipien des NHS.

Das Buch startet mit einem Vorwort von Arien Aguilar, der Jenny und Peer auf einen seiner Kurse und anschließend auf einen ihrer Kurse kennenlernen durfte. Unter der Überschrift „Wissen teilen hilft den Pferden“ (S.7) erklärt er, warum es so wichtig ist seine Gedanken, Ideen und Erkenntnisse zu teilen und dass nur dadurch ein besserer Weg für Mensch und Pferd gefunden werden kann. Dieses Statement steht ganz im Sinne dieser Homepage, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Wissen zu teilen.

„Es ist mir ein Bedürfnis, möglichst vielen Pferden auf dieser Welt zu helfen, ein besseres bzw. pferdegerechteres Leben zu führen.“ (S.10)

In diesem Sinne soll Jenny Wild’s Buch eine Art Zusammenfassung ihrer Denk- und Trainingsweise im Natural Horsemanship darstellen. Dabei beziehen sich die vorgestellten Bereiche häufig eher auf den Menschen, als auf das Pferd. Und das ist auch gut so, denn, so Jenny Wild, nur durch eine kritische Selbstreflexion kann man ein richtiger Horseman werden.

Die Autorin startet mit dem Thema „Sicherheit„, dem wichtigsten Bereich des NHS. Sowohl für das Pferd, als auch für den Menschen stellt das Sicher-Fühlen ein absolutes Grundbedürfnis dar. Jenny Wild führt den Lesen hier mit definitorischen Grundlagen, aber auch mit eigenen Anekdoten, an die verschiedenen Perspektiven heran und erklärt dabei sehr eindringlich, dass Unsicherheit beim Pferd und beim Mensch den größten Problemherd darstellt. Abgerundet wird die Ausführung dann von konkreten Übungen wie beispielsweise der „privaten Zone“ (S. 27) und Grundlagen der NHS Arbeit. Dabei werden auch einige Aspekte des Übungsbuch Natural Horsemanship (zur Rezension) angesprochen und ergänzt.

„Empathie ist der Schlüssel“ (S.55)

Im Verlauf des Buches geht Jenny Wild sehr intensiv auf die Thematik der gewaltfreien Kommunikation mit dem Pferd ein. Unter Beachtung des Leitsatzes im NHS:

„Stellt immer die netteste Frage, die ihr stellen könnte, steigert kontinuierlich die Energie, bis die positive Antwort des Pferdes kommt und hört dann sofort mit einem von Herzen kommenden Danke auf.“ (S.54)

Wenn der Leser den Gedankengängen von Jenny Wild folgt, dann wird schnell klar, dass ein Pferd in seinen Augen immer alles richtig macht. Wir Menschen projizieren die Probleme in das Verhalten und strafen die vermeidlichen Fehler, was wiederum zum Unverständnis des Pferdes führt. Zudem, so die Autorin, sind die meisten Probleme in der Pferd-Mensch-Beziehung ungewollt vom Menschen konditioniert, oder bestehen aus Verständigungsproblemen. Nur durch ein komplettes Umdenken, kann man ein echtes Vertrauensverhältnis aufbauen und partnerschaftlich jede Herausforderung gemeinsam meistern.

Besonders wichtig für den Einstieg in das NHS ist, so Jenny Wild, eine positive Grundeinstellung.

„Die meisten Menschen sind sehr schnell kritisch mit ihren Pferden und zwar in fast allen Situationen.“ (S.105)

Ich als Leser habe mich an dieser Stelle selbst ertappt. Je bewusster man im Alltag mit dem eigenen Pferd darauf achtet, wie oft man tatsächlich kritisiert, umso bewusster wird einem auch, wie unwohl sich das Pferd dabei fühlen muss. Jenny Wild erklärt an dieser Stelle, ausführlich, wie es sich anfühlt, wenn man in den eigenen Augen zu unrecht getadelt wird. Schnell wird klar, dass auch hier ein Umdenken nötig ist. Unter dem Titel „Gerecht zu Pferden sein“ (S.108) zeigt die Autorin anhand einer von selbst erlebten Geschichte, wie das Umdenken funktioniert.

„Es ist nicht Schlimm, Fehler zu machen, sofern man aus ihnen lernt.“ (S.111)

Geduld, Sensibilisierung und Desensibilisierung und eine solide Selbstbeherrschung und -reflektion stellen dabei wichtige Aspekte des fairen Umganges mit dem Pferd dar. Dem Pferd auch mal etwas zutrauen und es die Welt entdecken lassen, anstatt es permanent zu kontrollieren und zu steuern – das sind die Kernthemen der folgenden Kapitel. Aber auch die zuweilen wichtige Trennung von Partnerschaft und Erziehung. So schön die Vorstellung von einer echten Freundschaft auch ist, Jenny Wild erklärt ganz klar, dass auf eine solide Erziehung nicht verzichtet werden kann und darf. Sie zitiert dabei den Horseman Buck Brannaman mit den Worten:

„Wir können auch nicht immer nur die Freunde unserer Kinder sein.“  (S.166)

Ein meiner Meinung nach sehr schöner Vergleich.

Zum Ende hin betrachtet die Autorin noch den großen und komplexen Themenbereich der Wahrnehmung und des Bewusstseins. Jenny Wild erklärt hier sehr ausführlich, wie wichtig die emotionale, die mentale und die physische Ebene beim Umgang mit dem Pferd sind. Sie sensibilisiert dabei den Leser auf die kleinen zumeist auch unscheinbaren Dinge, die den Unterschied zu einer besser und feinerer Kommunikation darstellen. Vor allem das im NHS so wichtige Neutral – die Belohnung – kann nur durch eine geschulte Selbstbeherrschung auf allen Ebenen erreicht werden.

„Weil Menschen häufig so wenig darauf achten, was ihr Körper gerade tut, geben sie den Dingen, wie z.B. Gerten, Sätteln und anderen „bedrohlichen“ Sachen, ein Eigenleben“ (S.174)

Mein Fazit: Ich kann dieses Buch nur wärmstens weiterempfehlen. Vor allem all jenen, denen noch die konkrete Inspiration zu einem neuen und viel besseren Umgang mit dem Pferd fehlt. Aber auch zum Übungsbuch Natural Horsemanship stellt es eine sehr gute Ergänzung dar. Die Grundlagen des NHS werden hier viel tiefgründiger beleuchtet und somit fallen die im vorgestellten Übungen mit den Erkenntnissen leichter.

Leider konnte ich in dieser Rezension nicht jedes Kapitel so ausführlich beschreiben, wie ich gern wöllte, denn das würde den Rahmen deutlich sprengen. Aber ich kann einfach nur dazu raten – lest dieses Buch und überzeugt euch selbst!

Infos zum Buch
Originaltitel:Von Pferden lernen, sich selbst zu verstehen – Durch Selbsterkenntnis zum Pferdeverständnis
Autor:Jenny Wild
Verlag: Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co KG
Ort: Stuttgart
Jahr:2014
ISBN: 978-3-440-13788-8