Traumata beim Pferd

Traumata beim Pferd

Wie wir unseren Pferden bei der Verarbeitung helfen können und was wir für uns selber dabei lernen.

Was sind Traumas?

Ein mentales Trauma stellt analog zum Trauma in der Medizin eine seelische Verletzung dar. Diese Verletzung stammt von einer extremen psychischen Belastung. Die Folgen eines traumatischen Erlebnisses können psychischer und körperlicher Natur sein, wie zum Beispiel Posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen, Konzentrationsstörungen, Angststörungen, Suchterkrankungen, Kopfschmerzen, Magen-Darmbeschwerden, Schlafstörungen u.v.m.

Jede Erfahrung, die wir als negativ bewerten stellt eine Art kleines Mini-Trauma dar, welches wir mental verarbeiten. Das gelingt uns, je nach Ausprägung und Folgen des Erlebten mal mehr, mal weniger gut.

Erlebnisse in unserer Kindheit sitzen häufig noch heute sehr tief, denn als Kind ist man oft nicht im Stande das Erlebte komplett zu verarbeiten. Wie sehr uns diese Traumata noch heute beeinflussen, hängt im Wesentlichen von der Intensität des Erlebten ab. Das können Zustände vollkommener Hilflosigkeit, starke Schmerzen, extreme Stresssituationen sein, die man selbst erlebt (z.B. Gewalt, die einem angetan wurde) oder auch beobachtet hat (z.B. Kinder, in Familien mit häuslicher Gewalt, oder Soldaten im Krieg).

Definition Trauma nach Fischer & Riedesser

„[…] ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“

Die Fähigkeit Traumata zu erleben ist nicht allein der menschlichen Psyche vorbehalten. Auch Pferde sind in der Lage traumatische Erlebnisse zu empfinden, die ihr weiteres Leben und Verhalten maßgeblich beeinflussen.

Bewältigungsstrategien in der Tierwelt können entweder Vermeidung, vollkommene Lethargie oder auch Aggression sein. Tiere sind nicht im Stande das Erlebte zu verstehen und im gleichen Maße zu verarbeiten, wie wir. Sie können im Nachhinein keinen Sinn und keine Bedeutung des Erlebten verstehen. Sie können lediglich daraus lernen und eine Reaktion ableiten. Dieses Lernverhalten sorgt im Umgang mit unseren geliebten Vierbeinern schnell für Probleme. Ein relativ häufiges Beispiel ist das Pferd, dass sich nach einem Hängertrauma nicht mehr verladen lässt. Oder ein Pferd, dass sich nach einer extremen Schrecksituation künftig in ähnlichen Situationen nicht mehr händeln lässt. Aber es gibt auch weniger offensichtliche Traumata beim Pferd, welche sich durch lebenslange gesundheitliche Störungen, oder soziale Probleme, bis hin zu plötzlichen Verhaltensänderungen zeigen. Diese Zusammenhänge zu erkennen, gelingt einem erfahrenen Trauma-Therapeuten. Die Therapie sollte dann gemeinsam mit dem Besitzer erfolgen. Denn die emotionale Verbindung zwischen Pferd und Besitzer ist deutlich stärker, als es je ein Therapeut in einer Sitzung aufbauen könnte.

Pferde sind deutlich sensibler in ihrer Wahrnehmung von Energie und Emotionen. Sind wir wütend, unruhig oder gestresst, so spüren Sie das. Empfinden wir ehrliche und tiefe Empathie mit Ihnen, so nehmen sie auch das wahr. Habt ihr euch schon einmal offen und aufrichtig bei eurem Pferd entschuldigt? Habt ihr in einer Situation überreagiert, oder musste es wegen einer eurer Entscheidungen leiden?

Pferde können sich nicht verbal verständigen. Pferde können nicht im gleichen Ausmaß denken, wie wir. Aber sie sind durchaus im Stande Emotionen, wie Trauer, Mitleid, aber auch Freude, Aggression, zu spüren und einzuordnen. All das wird wahrgenommen und sehr gern gespiegelt. Diese Fähigkeit hilft uns enorm beim Training. Aber auch bei der Bewältigung von Traumata.

Im Folgenden betrachten wir die Schritte, die notwendig sind, um das Trauma gemeinsam mit dem Pferd aufzuarbeiten.

Erkennen & Akzeptieren

Erkenne und akzeptiere, dass dein Pferd ein traumatisches Erlebnis hatte. Hör auf andere Gründe für sein Verhalten zu suchen. Akzeptiere die Situation so, wie sie ist. Und zwar aufrichtig und ehrlich. Solange du nur mit halbem Herzen daran glaubst, wirst du deinem Pferd keine Hilfe bei der Bewältigung sein.

Empathie

Entwickle ein tiefes und aufrichtiges Mitgefühl für dein Pferd und seine Situation. Ärgere dich nicht über sein Verhalten. Hab keine Erwartungen, die es nicht erfüllen kann. Sei einfach auf ehrliche Weise empathisch.

Verstehen

Versuche dich in seine Lage zu versetzen. Durchlebe das Trauma einmal aus seiner Perspektive. Bedenke dabei jedes noch so kleine Detail. Wie lief es genau ab. Was hat dein Pferd dabei empfunden. Welche tiefen Ängste wurden dabei geweckt. Fühlte es Schmerzen physischer oder emotionaler Art?

Bist du für das Trauma verantwortlich? Dann befreie dich nun von jeglichen Schuldgefühlen, denn Sie behindern die Verarbeitung. Akzeptiere, was vorgefallen ist. Lerne daraus. Gesteh dir eigene Fehler ein, aber versinke nicht in Selbstmitleid. Wachse aus dem Erlebten zu einem neuen Menschen heran.

Vergeben & Nach vorn sehen

Hilf deinem Pferd dir oder dem Schuldigen zu vergeben, indem du dich bei ihm aufrichtig entschuldigst. Meine was du sagst. Empfinde, was du vorgibst. Aber verliere dich nicht in dem Gefühl der Schuld, sondern blicke nach vorn. Denn ihr habt beide aus dem Erlebten gelernt. Ihr geht gestärkt aus dieser Situation und bleibt nicht als Opfer zurück.

Dankbarkeit

Zu guter Letzt, seid Dankbar, dass ihr aus euren Erlebnissen gemeinsam lernen und dadurch wachsen konntet. Ihr seid hier an diesem Punkt in eurem Leben, weil alles genauso verlaufen ist. Egal was deinem Pferd oder euch beiden widerfahren ist, es brachte euch hier her. Von nun an seht ihr beide nach vorn und haltet nicht am Erlebten fest.

 

Ihr sollt das Erlebte nicht vergessen und auch nicht verdrängen. Das wird euer Pferd auch nicht tun. Pferde vergessen niemals. Aber Sie sind durchaus bereit zu vergeben und neu anzufangen. Diese grundlegende Eigenschaft haben Sie uns voraus. In unserer Gesellschaft wird Verzeihen gerne mit Schwäche gleichgesetzt. Es ist jedoch genau andersherum. Ein aufrichtiges Vergeben zeugt von wahrer Stärke. Weil es nicht leicht ist und sehr viel Empathie voraussetzt. So tragen wir alle eine ganze Menge an Groll und erlebten Traumata mit uns herum. Wenn wir von unserem Pferd erwarten, dass es seine Traumata loslässt, so sollten wir auch an unseren Altlasten arbeiten. Es ist nie zu spät dafür uns es wird auch nie der richtige Zeitpunkt dafür kommen. Aber der Effekt auf unser zukünftiges Leben ist enorm, wenn wir es schaffen, wahrhaftig damit abzuschließen, zu vergeben und unseren Nutzen aus dem erlernten zu ziehen. An Groll und Ärger von Vergangenen festzuhalten, ist wie Gift trinken und zu erwarten, dass der Feind dadurch stirbt. (Zitat Nelson Mandela). Man vergiftet sich dadurch nur selbst. Und genauso ist es mit Traumata, die man verdrängt und mit sich herumträgt. Sie vergiften unseren Körper, schleichend, still, ohne dass wir es bemerken. Schaffen wir es jedoch abzuschließen, können wir daraus wachsen. Denn jeder Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen, den guten und den schlechten.

 

 

 

 

Think positive – Erfolg beginnt im Kopf

Habt ihr euch einmal gefragt, warum Kinder so gut mit Pferden klar kommen? Ihnen fällt alles so viel leichter. Es scheint, als würden Sie sich instinktiv verstehen, ohne viele Worte. Erklärung suchen wir dann meist im “Pferdesinn” oder im sogenannten “Pferdegen”. Wir meinen damit eine Art angeborenes Gespür für den richtigen Umgang mit dem Pferd. Ich will nicht bestreiten, dass es so etwas gibt. Auch nicht, dass einige Menschen von Natur aus besser mit Pferden klar kommen, als andere. Was ich in diesem Artikel erläutern möchte, ist dass ich der festen Überzeugung bin (und damit berichte ich nicht nur aus eigener Erfahrung), dass jeder in der Lage ist, eine erfolgreiche und innige Beziehung zu Pferden aufzubauen. Die Basis dafür liegt meiner Meinung nach fern ab von jeglichem Unterricht oder Reitweise. Sie beginnt bei uns selbst.

Die Rede ist von mentaler Stärke – die Kraft der eigenen Gedanken. Sie hat einen gewaltigen Einfluss auf unsere Biochemie – denn mittels unsere Gedanken steuert das Gehirn unbewusst hormonelle Vorgänge, die wiederum Einfluss auf unser Gesamtbefinden und unsere Körpersprache haben. Fühlen wir uns gut, so lächeln wir automatisch mehr, als wenn uns etwas buchstäblich Bauchschmerzen bereitet. Haben wir Angst, meldet unsere Hirnregion mit dem Namen Amygdala ein Stresssignal. Unbewusst bereitet sich unser Körper auf eine Gefahrensituation vor. Eine Kaskade an Hormonen werden in Gang gesetzt, welche den Herzschlag erhöhen und damit den Blutdruck und die Atemfrequenz steigern. Doch das ist noch nicht alles – die Auswirkungen betreffen auch unsere Körpersprache – die Körperspannung geht verloren, wir werden schlacksig und neigen zu Übersprunghandlungen. Wir wir bereits wissen spielt die eigene Körpersprache eine sehr wichtige Rolle im Umgang mit Pferden. Als Herdenchef, dem das Pferd zu jeder Zeit vertrauen soll, machen wir so ganz ohne Körperspannung keine gute Figur. Da hilft es auch nicht, sich künstlich zu verkrampfen. Die Lösung liegt im Ursprung. Nämlich da, wo die Angst entsteht, in unserem Kopf.

Doch negative Gedanken zu überwinden, ist nicht für jeden so einfach, wie es klingen mag. Mentale Stärke ist eine Fähigkeit, die man ebenso erlernen muss, wie das Reiten selbst. Doch hat man sie erstmal drauf, so wird Vieles im täglichen Umgang mit unserem Vierbeiner viel einfacher. Wir schaffen es die Ruhe zu bewahren, nicht überzureagieren, in panischen Situationen uns schneller wieder zu fangen. Doch wie geht das nun? Im Alltag sind wir es gewohnt unaufhörlich zu denken. Unsere Gedanken strömen nahezu unaufhörlich durch unseren Kopf. Das Gespräch mit der Kollegin, die Einkaufsliste, die To-Do Liste, der Trainingsplan… was auch immer uns durch den Kopf gleitet – das müssen wir zunächst erstmal los werden. Stellt euch einen Timer auf 60 Sekunden und versucht in dieser Zeit nicht zu denken. Erlebt die vollkommene Stille in eurem Kopf – für 60 Sekunden. Klingt einfach, doch die Meisten werden bereits hier scheitern. Denn ohne dass man es will, kreisen die Gedanken um die Uhr, um die Zeit die noch verbleibt, um den Raum, die Luft, der Geruch usw. Unser Kopf will sein gewohntes Muster nicht so einfach verlassen. Das erfordert Übung – doch die lohnt sich.

Haben wir erst einmal Platz in unserem Kopf geschaffen und können ohne Probleme 5 – 10 Minuten ohne einen einzigen Gedanken verwahren, so sind wir schon in einer leichten Meditationsstufe angekommen. Es kehrt im wahrsten Sinne des Wortes Ruhe ein in unseren Körper. Der Herzschlag verlangsamt sich, die Atmung wird tief und ruhig. Wir entspannen uns. Jetzt können wir einen Schritt weiter gehen und in diese innere Leere Bilder platzieren. Keine Erinnerungen, die würden unweigerlich zum Grübeln führen – einfach nur bestimmte Bilder. Eine blühende Blumenwiese im Sonnenschein – die rauschende Wellen am Strand. Bilder die uns ein positives Gefühl verschaffen. Dieses Positive Gefühl versuchen wir so lange wie möglich zu halten. Wer sich an dieser Stelle noch tiefer mit der Materie vertraut machen möchte, der begebe sich auf die Spuren des autogenen Trainings. Die leichten Meditationsübungen können beim einschlafen helfen, Stress minimieren und sogar Schmerzen lindern. Aber wir benötigen erstmal nur die Kontrolle über unsere Gedanken.

Tritt nun eine unangenehme Situation auf – das Pferd benimmt sich daneben, erschrickt häufig, tänzelt rum – oder was auch immer euch unter Stress setzt, Angst oder Wut auslöst – leert genau in diesem Moment für minimal 10 sek euren Kopf. Das heißt nicht, dass euer Körper in dieser Zeit abschaltet – natürlich tut ihr was notwendig ist, haltet das Pferd fest, bindet es an oder was auch immer – Safety first – aber kontrolliert dabei eure Gedanken. Löscht alles negative raus. Egal was euch in den Sinn kommt… Der spinnt wieder, der will mich nur verarschen, mein Reitlehrer meinte ich muss mich mehr durchsetzen… Aller raus. Leert den Kopf vollkommen und setzt das positive Bild ein. Dann legt ihr eine kurze Pause ein und macht weiter. Aber diesmal stellt ihr euch nicht vor, was das Pferd nicht tun soll – sondern denkt daran, wie ihr es euch wünschen würdet. Denkt dabei immer positiv. Und ihr werdet eine starke Veränderung feststellen. Einmal merkt ihr, dass ihr euch nicht mehr aufregt – was schon mal eine tolle Grundlage ist. Ihr schafft es, euch wesentlich schneller zu beruhigen, schneller die Kontrolle über euren Körper zurück zu gewinnen und die Körperspannung zu erhalten und damit eurer Rolle als vertrauensvollen Herdenchef gerecht zu werden. Und es geht noch weiter, durch eure positiven Gedanken nehmt ihr direkt Einfluss auf euer Pferd. Ich will jetzt nicht behaupten, dass die Gedanken übertragen werden – das wäre zu weit hergeholt – aber dennoch werdet ihr feststellen, dass auch euer Pferd lernt ruhiger zu werden – es wird sich schneller entspannen, weil es euch nun vertrauen kann und es keine Angst haben muss, vor unberechenbaren Reaktionen, die ihr in Wut oder Stressmomenten zeigt.

Das klingt gut? Aber das kostet Zeit und Übung. Wie gesagt alles beginnt mit der Kontrolle eurer Gedanken. Baut diese Übung in euren Alltag ein und trainiert regelmäßig. Steigert euch in der Intensität der Übung und ihr werdet rasch Erfolge verzeichnen. Dann übertragt das Gelernte auf den Umgang mit euren Pferd – Think always positive – und alles ist möglich!

Es gibt keine bösartigen Pferde

Warum ein Pferd in seinen Augen immer alles richtig macht…

Wer mit Pferden zu tun hat, hat auch zwangsweise viel mit Pferdemenschen zu tun. Man tauscht sich aus, berät sich gegenseitig und hört sich all die Stories vom geliebten Vierbeiner an. Sehr häufig hört man dann Sätze wie: “Der wollte mich heute schon wieder Ärgern.” oder “Der hat mich mal wieder nur verarscht.” in besonders schlimmen Situationen ist sogar die Rede vom Problempferd, dass unbedingt eine Therapie braucht. Es ist ganz normal geworden, dass man den Tieren in seinem Umfeld menschliche Eigenschaften unterstellt. In gewisse Weise ist das auch nicht mal so ganz falsch. Pferde haben Persönlichkeiten und das sogar in der Tierwelt einzigartige besonders unterschiedliche, sodass kaum ein Pferd, wie das andere ist (vgl. Blendinger, 1971, S. 54). Pat Parelli hat genau diese komplexen Persönlichkeitstypen in ein für uns verständlichen System integriert (siehe dazu Artikel von Nicola Steiner). Insofern kann auch das Verhalten eines Pferdes seiner Persönlichkeit entsprechend sein. Wie man auf die speziellen Persönlichkeitstypen eingehen kann, könnt ihr im Artikel von Nicola Steiner nach lesen.

Was jedoch ein entscheidender Unterschied zwischen Mensch und Pferd und allgemein Mensch und Tier darstellt, ist die in der Psychologie als Rückkopplung bezeichnete Funktion im Gehirn – unser Bewusstsein (vgl. Blendinger, 1971, S.34). Vom Bewusstsein abgeleitet folgt das bewusste Handeln. Ich überlege etwas zu tun und tue es dann. Das Pferd selbst denkt nicht darüber nach, es folgt seinem Instinkt, seinem Bedürfnis oder seinem Erlernten Ablauf.

Zunächst der Instinkt: Der wichtigste und absolut lebenswichtigste Aspekt ist der Fluchttier-Instinkt – die Angst gefressen zu werden ist ihnen in die Wiege gelegt worden. Die stetige Todesangst ist ein ernst zunehmendes Thema. Wenn wir Menschen uns vor etwas erschrecken, ein lauter Knall beispielsweise, dann denken wir ziemlich schnell darüber nach, was das gewesen sein könnte. Wir legen uns Gründe zu recht und gehen beruhigt unserer Beschäftigung weiter nach. Ein Pferd verfügt nicht über die Möglichkeit sich einen Grund zu denken. Warum sollte es das auch – in freier Wildbahn hätte es nicht mal annähernd die Zeit dazu. Es hat im Laufe Zeit mit uns Menschen allerhöchstens gelernt, mit bestimmten Gefahren umzugehen, bzw. vertraut es seinem Menschen genug, um ihm die Entscheidung zu überlassen, wann es fliehen muss und wann nicht. Aber die Angst selbst – die bleibt sein stetiger Begleiter und wir Menschen müssen uns dafür sensibilisieren. Strafe und die Unterstellung einer Absicht sind der falsche Weg. Das Pendant zur Angst ist die Sicherheit. Und erst wenn wir in der Lage sind, unserem Pferde diese zu bieten, erst dann nimmt die Angst ab.

Das Bedürfnis, wie beispielsweise Hunger, Durst, Müdigkeit, Krankheit oder auch Schmerzen bestimmen ebenfalls das Verhalten unseres Pferdes. Hier spielen alle natürlichen und lebenswichtigen Aspekte eine Rolle, auch die korrekte und artgerechte Haltung und Ernährung. Nur ein rund um gut versorgtes Tier kann zu einem guten Reitpferd und treuem Partner werden. Fehlt es an irgendwas, sind Probleme stets vorprogrammiert. Hierzu zählt auch die richtige Ausrüstung. Drückt der Sattel, zwickt der Gurt oder fühlt sich das Pferd gestört, so kann es ebenfalls zu unerwünschten Verhalten kommen. Gerade das Sattelproblem ist hierbei das beste Beispiel. Buckeln und Durchgehen werden häufig von einem unpassenden Sattel und daraus resultierenden Schmerzen ausgelöst. Aber auch bereits vorhandene gesundheitliche Einschränkungen, können hier der Auslöser sein. Das Pferd folgt auch hier häufig lediglich seinem Bedürfnis Schmerz zu vermeiden. Wir sollten als guter und vertrauensvoller Mensch an der Seite unseres Pferdes, stets dafür sorgen, dass keine Schmerzen und keine anderen unerfüllten Bedürfnisse unser Pferd belasten.

Kommen wir zu einem weiteren wichtigen Aspekt, der das Verhalten unseres Pferdes maßgeblich beeinflusst: Das Erlernte. Ein Großteil des Verhaltens der Pferdes wird in der frühzeitlichen Prägephase erlernt (vgl. Blendinger, 1971, S.39). Deshalb ist es umso verständlicher, dass auch die Ursachen vieler Probleme frühkindlichen Einflüssen zugrunde liegen. Aber auch nach der Prägezeit lernt das Pferd stetig weiter. Selbst wenn wir nicht aktiv versuchen ihm etwas beizubringen, lernt es trotzdem jeder Zeit. Es sind die Kleinigkeiten, die uns nicht immer gleich bewusst sind. Ein typisches Beispiel ist dafür das Betteln. Wir freuen uns, wenn unser Pferd uns gleich begrüßt und mit seinem Kopf an uns heran tritt, als wöllte es kuscheln. Ein Leckerchen zur Begrüßung und prombt hat es was gelernt. Ich muss aufdringlich werden, dann bekomme ich das Leckerlie. Stück für Stück wird die Intensität gesteigert. Aber meist merken wir viel zu spät, das aus dem Begrüßen schnell ein penetrantes Durchsuchen geworden ist. Das ist zunächst eine typische Situation, die sicher schnell wieder abzulernen ist, indem es einfach kein Futter mehr aus der Hand gibt. Viel schwieriger sind Verhaltensweisen, wie Buckeln, Steigen, Anrempeln, Austreten. Alles was uns und anderen gefährlich werden kann. Sehr häufig ist auch dieses Verhalten angelernt, indem wir es unbewusst bestätigt haben. Nicht unbedingt durch Leckereien, aber beispielsweise durch eine Pause als Belohnung, oder gar mit dem Abbruch der Übung. Ein Beispiel: Spazieren im Gelände, das Pferd buckelt und rempelt uns an. Wir reagieren mit beruhigenden Worten, vielleicht sogar mit Streicheln oder etwas grasen lassen zur Beruhigung. Das Pferd lernt – buckeln muss ich also, damit ich endlich an das leckere Gras oder an meine verdiente Pause komme. Das ist nur ein Beispiel, jeder reagiert anders und es ist nun an jedem selbst, sich kritisch zu reflektieren. Zeigt mein Pferd ein bestimmtes Verhalten, was ich als Negativ wahrnehme, so muss ich überlegen, was habe ich evtl. getan, damit es dieses Verhalten erlernt hat. Und anschließend, was kann ich anders machen, damit es dieses Verhalten wieder ablegt. Im Zweifelsfalls ist hierbei auch zur professioneller Hilfe zu raten. Denn da wir häufig unbewusst positiv bestärken, kann eine zweite Person dieses Verhalten besser aufdecken und uns damit konfrontieren.

Wichtig ist abschließend noch zu sagen,  dass das erlernte Verhalten auch durch ein Trauma erlernt sein kann. Nichts prägt ein Pferd mehr, als die Erfahrung, dass etwas zu schmerzen führt. In diesem Fall reicht es nicht das eigene Verhalten zu ändern. Bei traumatisierten Pferden ist besonders viel Geduld und Einfühlungsvermögen und am besten auch ein erfahrener Trainer notwendig. Nur so kann das Pferd Schritt für Schritt vertrauen fassen und die Erfahrung nach und nach ablegen. Manche Pferde vergessen tatsächlich nie und ich persönlich bin der Meinung, dass in ganz extremen Traumatafällen, abgewägt werden muss, ob man das Pferd tatsächlich therapiert, oder es lieber vermeidet. Ein Beispiel kann ein extrem misshandeltes Pferd sein, dass keinen Reiter akzeptiert – vielleicht ist es für so ein Pferd besser niemals geritten zu werden.

Um mich nochmal auf die Überschrift zu beziehen. Wer aufmerksam gelesen hat, dem sollte inzwischen klar sein, dass ein Pferd immer alles richtig macht. Es macht in seinen Augen keine Fehler und es wäre unsinnig es zu bestrafen. Viel mehr sollten wir uns darauf konzentrieren, erwünschtes Verhalten zu bestärken und uns selbst stetig reflektieren, damit wir nicht ausversehen falsches Verhalten an trainieren. Zudem sollten wir stets alle Bedürfnisse unseres Vierbeiners erfüllen und seine instinktiven Ängste mit viel Bedacht und Verständnis wahrnehmen. Im Zweifelsfall ist stets zu einem kompetenten Trainer zu raten. Dann haben wir auch kein Problempferd 😉

Literaturverzeichnis:

Blendinger, W. (1971). Psychologie und Verhaltensweisen des Pferdes. Heidenheim: Erich Hoffmann Verlag

 

Bücher zum Thema:

Geschichten aus dem Leben einer Physiotherapeutin für Pferd & Reiter

Kleine Ergänzung vorab: Die vorgestellten Pferdemenschen sind absichtlich ein wenig überspitzt und natürlich gibt es auch Ausnahmen. Die leichte Ironie im folgenden Text soll ein bisschen zum Nachdenken anregen. Der ein oder andere ertappt sich vielleicht selbst und überdenkt seinen Umgang mit dem geliebten Vierbeiner. Viel Spaß beim Lesen.

Kapitel 1: Was mache ich hier eigentlich?

Als ich meine Human-Physio-Ausbildung 1997 beendet und sofort die Weiterbildung für Pferd & Reiter dran gehängt hatte, ging ich davon aus, dass ich Pferde behandeln könnte, so wie ich es auch mit den Menschen tat. Allerdings hatte ich etwas vergessen…. die Menschen, die zu den Pferden gehören!
Im Laufe der Jahre habe ich es mir angewöhnt eine Art Register zu führen, in die ich diese Pferdemenschen einsortiere. Ein paar von denen will ich Euch mal vorstellen. Da wäre zum Beispiel:

1. Der ehrgeizige Sportler:

Sein Pferd muss als erstes gute Papiere haben, ohne Abstammung geht es nicht. Dann werden auch sofort die sportlichen Erfolge aufgezählt und die weiteren, die folgen müssen werden ebenso erwähnt, weil ich ja nun zusehen muss, dass “der Bock das schafft.” So wie damals auf dem Islandpferde-Turnier.

O-Ton Islandreiterin: “Der muss Sport A schaffen, sonst geht der nicht zur Weltmeisterschaft. Der soll doch decken! Guck dir mal an, wie er da schon steht, wie so ein Penner!”

Ich: “Sei doch froh, dass er mitten beim Turnier so ruhig ist.”

Sie: “Das geht gar nicht! Mach was!”

Sie düste genervt ab und da wachte der kleine Hengst auf, sah mich quietschvergnügt an und wollte ein Bonbon haben. Da wurde mir klar, dass er mit der Hektik und dem wahnsinnigen Ehrgeiz der Bereiterin nicht klar kam und sich in sich selbst verkroch, um das irgendwie zu überstehen. Ich beliess ihn also in seiner gewünschten Ruhe, massierte ihn langsam mit grossen, festen Griffen und er entspannte sich vollends. Danach machte ich ihn fertig, wie ein Stallknecht und brachte ihn der Reiterin zum Abreiteplatz. Der kleine Kerl gab sein Bestes und schaffte Sport A. Glückseelig fiel mir die gute Dame gekünstelt um den Hals: “Danke, danke, danke! Gut, dass du mal eben schnell gekommen bist!”

Fazit: Nicht immer ist ein “entspanntes” Pferd auch wirklich entspannt. Manche ziehen sich so sehr zurück, dass sie nicht mehr wirklich anwesend sind. Da hilft keine Motivation, sondern Ruhe und echte Entspannung. Aber… ist das Physiotherapie???

2. Die gehobenen Freizeitreiter

Vorraussetzung für diese Pferdeleute ist ein gutes Pferd und ein recht nobler Stall. Wenn das Pferdchen keine tollen Papiere hat, gibt es grundsätzlich eine dolle Geschichte (vom Schlachter gerettet, war gaaaanz schwierig, niemand kommt mit dem Pferd klar, ist schon viele Turniere gegangen,…). Wenn ich schon beim Sichtbefund die ertsen Schwächen aufzähle, sie durch den Tastbefund bestätigt bekomme und wenn das dann auch noch alles zu den Rittigkeitsproblemen passt, ist erstmal alles alles Wow! Prima! Und dann kommt das Aber! Wenn ich die Boxenhaltung bemängele, in der sich jedes Pferd kaputt steht, wird schon sparsam geguckt. Und wehe es geht an den Sattel. Der beste Satz, den ich mal gehört habe:

“Der Sattel bleibt drauf, der hat 3000 Euro gekostet, da kann ich am besten drin sitzen.”

Selbst wenn man klipp und klar beweisen kann, anhand von Muskelathrophien, von Schmerzpunkten, von den klassischen Sattel-check-Punkten, bleibt es dabei: Dieser Sattel bleibt. Es wird dann ein Sammelsurium von Schabracken in allen Farben, von Lammfellteilen, von Schaumgummiunterlagen angeschleppt, um den Sattel irgendwie zu pimpen. Völlig unsinnig. Ebenso wie die Diskussion, die daraufhin entsteht.
Meiner Meinung nach sollte dieses Pferd erstmal nur vom Boden gearbeitet werden, ein anderer Sattel muss angepasst werden und evtl. tut es dem Pferdchen ja auch mal gut etwas Urlaub vom Reiter zu bekommen. Spätestens dann entsteht eine Pause und es folgt der entscheidende Satz: “Ich habe das Pferd aber doch zum Reiten und nicht für Bodenarbeit.”
Also habe ich einen Befund plus Sattelcheck gemacht und werde natürlich nie wieder angerufen! Ist das nun Physiotherapie???

3. Die Über-Mütter

Es kann das gesündeste Pferd gekauft werden, es wird binnen kürzester zeit krank. Hier ist meist Hopfen und Malz verloren. Denn es wurde für das arme Hüh ja von Anfang an alles getan. Es wurde entwurmt, geimpft und wieder entwurmt und dann noch homöopathisch entwurmt und pflanzlich gestärkt, Kot und Urin werden mit Argusaugen begutachtet, über einen toll gekackten Haufen wird sich gefreut, wie verrückt. Hauptsache das Fell glänzt, alles ist ordentlich, sauber, fast schon steril. Um Ansteckungen und Verletzungen zu vermeiden wird das Pferdchen natürlich isoliert, zu seinem eigenen Schutz. Selbstverständlich. Und nachdem der dritte Tierarzt durch ist, der vierte Hufschmied, die fünfte Heilpraktikerin, kommt auch noch eine Physiotherapeutin hinzu.
Das sind dann Kunden, die ich schon am Telefon erkenne, denn das erste Telefonat endet nie vor einer halben bis dreiviertel Stunde und ich möchte dann schon gar nicht hinfahren, denn ich weiss, ich kann nichts für das arme Geschöpf tun, dass mir fast das Herz bricht in seinem Unglücklichsein.

Fazit: Die Krankheit des geliebten Vierbeiners ist das Lebenselixier seines Menschen.

Das Grundproblem ist eigentlich bei allen gleich: Die Menschen sind so sehr von sich und ihrem Umgang mit dem Pferd überzeugt, dass keiner es schafft, etwas zu ändern. Der Einzige, der ein gewisses Mitspracherecht hat, ist der Tierarzt, denn der hat ja studiert und hat sich auf Pferde spezialisiert.
In den meisten Fällen komme ich gar nicht dazu ein Pferd zu behandeln, weil der Befund des Pferdes meistens so ausfällt, wie es dem dazu gehörigen Menschen nicht passt. Dann ist natürlich klar, dass nach dem Befund nichts mehr folgt. Schade. Denn ein bisschen umdenken ist doch nicht schwer, aber vielleicht ein bisschen zu anstrengend, denn man muss die alten Pfade verlassen und etwas Neues lernen.
Aber nur dann lernt man sein Pferd richtig kennen. Es muss immer das bleiben dürfen, was es ist, nämlich ein Pferd. Kein Sportgerät, kein Kindersatz und kein Prestigeobjekt, oder ähnliches. Das sind nun drei der dollsten Pferdemenschen, mit denen mich arrangieren musste, weil ich in diesem Beruf arbeiten wollte.

Bis ich mich fargte: Was mache ich hier eigentlich??? Ist das noch Physiotherapie???

Ich mache hier meine Arbeit und wenn es nur ein Befund, oder nur ein Sattelcheck ist, oder der Hinweis, doch mal lieber Heu statt Silage zu füttern, wenn das Pferd permanent Durchfall hat. Das ist auch ein Teil meiner Arbeit und mittlerweile mache ich fast nur noch Exterieurbeurteilungen, Schmerzpunktsuche (die Suche nach Krankheits-Lahmheitsursachen), Sattel-Trensencheck und die PT für Pferd & Reiter unter Berücksichtigung der klassischen Grundausbildung.
Also freut Euch darüber, wenn ihr mal wieder bei fiesem Regenwetter ewig über die Weide stapfen müsst, weil das Pferd nicht auf Pfiff angaloppiert kommt und geht nur mal eine Runde spazieren, weil man auf so ein nasses und dreckiges Pferd keinen Sattel legen kann und teilt Euch mit dem Plüschpuschel eine Möhre.

In diesem Sinne

Eure Tina Wolff

Interview mit Offenstall-Expertin Tanja Romanazzi

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Dr. Tanja Romanazzi verfügt über mehr als 30 Jahre fundierte Pferdeerfahrung. Im Jahr 2002 eröffnete Sie die Reitanlage Gut Heinrichshof. Die Anlage verfügt über 3 Aktivställe, 2 Paddock Trails, 5 Mini-Laufställe und 6 Doppelboxen. Mit ihrem umfangreichen Wissen über artgerechte Pferdehaltung berät Sie nun Stallbesitzer zum Thema Offenstallkonzepte. Zudem kann man themenspezifische E-Books auf ihrer Webseite erwerben, die gerade schwierige Themen der Umbauphase behandeln – wie beispielsweise: Das Matsch-Buch für Pferdehalter: Paddocks und Laufwege erfolgreich befestigen


Linda: Hallo Tanja, vielen Dank dass du dir Zeit nimmst, mir und den Lesern das Thema alternative Offenstall Konzepte etwas näher zu bringen. Wie kamst du denn dazu, dich auf dieses Gebiet der Pferdehaltung zu spezialisieren?

Tanja Romanazzi: Wir haben 2002 begonnen mit einer reinen Dressuranlage mit 41 Paddockboxen. Das war für mich damals die optimale Haltung. Da es finanziell jedoch nicht so aufging, wie wir es uns gehofft hatten (zu wenig Pferde bezogen auf die Größe und Unkosten der Anlage) mussten wir quasi zwangsweise erweitern und haben dann einen Aktivstall mit Computerfütterung für die Pferderentner und die Aufzuchtpferde dazu gebaut.
Wenn man so eine Reitanlage leitet, dann beobachtet man natürlich viel und für mich war es sehr beeindruckend, wie sich viele Pferde mit der Umstellung von der Box in den Offenstall verändert haben. Unruhige Pferde wurden viel entspannter und stumpfe und bisher als langweilige wahrgenommene Pferde bekamen auf einmal wieder Lebensfreude und eine sichtbare Persönlichkeit.

“Mir wurde also immer mehr bewusst, wie stark man die Lebensqualität der Pferde durch die Boxenhaltung einschränkt. Und mit dieser Erkenntnis haben wir jedes Jahr weiter umgebaut, immer mehr Boxen weg und neue Offenstallplätze dazu.”

Linda: Gab es eine Art Vorbildstall, an dem ihr euch bei der Gestaltung vom Gut Heinrichshof orientiert habt?

Tanja Romanazzi: Nein. Es kamen jedes Jahr neue Erkenntnisse und Ideen dazu. Man lernt natürlich viel aus den gemachten Fehlern und versucht dann beim nächsten Offenstall, es für die Pferde noch besser zu realisieren.Wir probieren viel aus und beobachten das Pferdeverhalten. Gleichzeitig lese ich gern (das Buch von Jamie Jackson über das Paddock Paradise gab viel Inspiration) und bewege mich regelmäßig im Internet, wo man auch immer wieder neue Ideen finden kann.

Linda: Was würdest du spontan sagen, sind die wichtigsten Bedürfnisse, die ein guter Offenstall unbedingt erfüllen muss?

Tanja Romanazzi: Alle Pferde, auch die rangniederen, müssen entspannt fressenund schlafen können. Die Hauptlaufwege, Futter- und Schlafplätze sollen möglichst matschfrei sein. Aufbau und Gestaltung des Offenstalls soll zu möglichst viel Bewegung führen.

Paddocktrail Heuraufe Gut Heinrichshof

Paddocktrail Heuraufe Gut Heinrichshof

Linda: Was genau ist ein Paddock Trail?

Tanja Romanazzi: Das Kernelement des Paddock Trail (oder auch Paddock Paradise) ist ein sogenannter Track oder auch Trail (quasi ein Pfad), der als 3m-5m breiter Streifen außen um die verfügbare Fläche geführt wird. Er simuliert die Wanderrouten der Wildpferde. Auf dem Track finden die Pferde in möglichst verteilter und vielfältiger Form alles vor, was sie brauchen: Heu, Mineralsteine, Wasser, Unterstand, Wälzplätze. Man versucht also trotz der oft eher kleinen Fläche für die Pferde maximal lange Laufwege zu realisieren.

“Um ausreichend Laufanreize zu schaffen, ist es besonders wichtig, Heu und Wasser möglichst weit entfernt voneinander anzubieten.”

Heu steht in einem Paddock Trail in der Regel 24h zur Verfügung, dafür wird die Weidezeit begrenzt. Man hat also eine Variante, mit der man die kostbaren inneren Grünflächen schonen (und somit in besserer Qualität halten) kann und trotzdem die Pferden nicht auf Auslauf und Bewegung verzichten müssen.

Linda: Mal ganz grob geschätzt, wie viel müsste eine Privatperson Minimum investieren, um einen kleinen Offenstall mit Paddock Trail für 3-4 Pferde artgerecht zu gestalten?

Paddocktrail Gut Heinrichshof

Paddocktrail Gut Heinrichshof

Tanja Romanazzi: Das kann man pauschal ganz schlecht sagen, weil vieles von der gewünschten Qualität (teurer Holzzaun vs. Plastikstecken und Stromband) abhängt und von dem Anteil an Eigenleistung.

Wenn man auf einer grünen Wiese von zum Beispiel 5000 m² einen Paddock Trail für 3-4 Pferde neu bauen möchte, dann braucht man einen Unterstand von ca. 40 m² Fläche für die Pferde + gegebenenfalls überdachte Fläche für Heu, Hafer und Sattelkammer. Wenn man so einen Unterstand bauen lässt, kostet es als grobe Schätzung 6000,- bis 8000,-€. Wenn man selber in der Lage ist, so etwas vernünftig zu bauen, geht es natürlich auch viel preiswerter.

Man benötigt ca. 300m Zaunmaterial für den Außenzaun und ca. 250m für den Innenzaun. Die Kosten liegen abhängig von der Ausführung zwischen 1500,- und 4000,-€
Und der dritte große Posten ist die Bodenbefestigung. Der Pfad außen herum sollte zumindest auf 50cm befestigt sein, so daß sich die Pferde zu Matschzeiten darauf bewegen können. Dazu kommen Flächen vor dem Unterstand und an den Futterstationen. Es sind also grob geschätzt 200m² zu befestigen. Nimmt man dafür gute Paddockraster und etwas Sand, so kostet das in etwa 4000,-€. Hinzu kommen dann noch kleinere Posten, wie eine Heuraufe oder Heunetze, Lecksteine, Einstreu und einiges mehr.

“Wenn man einen Paddock Trail für 3-4 Pferde bauen möchte und eher wenig Eigenleistung bieten kann, muss man für eine halbwegs gute Qualität schon 12.000 bis 13.000,-€ rechnen. Wenn man jedoch gute Bekannte hat (am besten ausgerüstet mit den entsprechenden Maschinen) und selber auch mit anfassen kann, dann sollte es auch schon mit 8000,-€ möglich sein.”

Linda: Würdest du sagen, dass der Pflegeaufwand für einen solches Stallkonzept größer ist, als bei herkömmlichen Stallungen?

Tanja Romanazzi: Auf keinen Fall. Es ist eher umgekehrt. Die Haltung von 10 Pferden im Paddock Trail benötigt viel weniger Arbeitszeit als die Pflege von 10 Boxenpferden. Man benötigt dafür beim Paddock Trail vielleicht etwas mehr Sachkenntnis über Herdenzusammensetzungen, Platzbedarf etc.

Linda: Und noch eine letzte Frage. Was genau ist das Besondere an einem Aktivstall?

Tanja Romanazzi: Der Begriff Aktivstall wurde von der Firma HIT geprägt. Es bezeichnet in seiner Ursprungsform einen Offenstall mit Computerfütterung. Die Pferde bekommen in verschiedenen Stationen, ihr Kraftfutter und auch ihr Heu in einer individuell festlegbaren Menge zugeteilt. Dieses erfolgt verteilt über den ganzen Tag. Die Pferde können sich also eine Portion abholen und danach ist die Station erst einmal für dieses Pferd eine Stunde gesperrt. Die Pferde müssen also selber aktiv sein, und sich ihr Futter an den verschiedenen Stationen in kleinen Mahlzeiten regelmäßig abholen. Wenn Kraftfutter- und Heustationen, Tränke und Unterstand möglichst weit voneinander entfernt liegen, führt dieses zu viel Bewegung bei den Pferden.

Bücher von Dr. Tanja Romanazzi:
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Gedanken zur artgerechten Haltung von Britta Reiland

Was denkt ihr?

Reicht das wissen, um eine artgerechte Pferdehaltung aus, um einen guten Platz für sein Pferd zu finden? Und welche individuellen Besonderheiten können erheblichen Einfluss auf die Anforderungen nehmen? Was davon ist “menschlich” und was tatsächlich “pferdisch” gedacht?

Seit vier Jahren lebt unser Pferd gemeinsam in einer Selbstversorger Stallgemeinschaft mit vier weiteren Pferden in einer gemischten Box und Paddockhaltung. Nun ist es aus vielen persönlichen Gründen an der Zeit sich zu verändern. 5 Pferde mit insgesamt 8 dazu gehörigen Erwachsenen schmeissen ihre Ideale in einen Topf und versuchen den bestmöglichen Platz für alle zu finden.

Es ist unglaublich, was da zusammen kommt:

Ganz bewusst lasse ich zunächst alle Besonderheiten der einzelnen Pferde weg und schildere mal die Grundbedingungen, die wir uns wünschen:

wir möchten, dass unsere Pferde nicht in einer Innenbox stehen
wir möchten, dass unsere Pferde möglichst viel Bewegungsmöglichkeiten haben
wir möchten, dass unsere Pferde Kontakt zu Artgenossen haben
24 Stunden “fette” Wiese halten wir für nicht angebracht, teils sogar gesundheitlichsschädlich, aber wir wollen täglich Weide
wir möchten Bodenuntergründe, die unseren Barhufern Abwechslung und Hufgesundheit versprechen
wir möchten ganzjährig Raufutter
wir möchten mehrmals täglich bis ganztägig Zugang zu GUTEM Heu
wir möchten tägliches Misten und Abäppeln
wir möchten individuelle Futterauswahl
wir möchten Menschen, denen wir unser Pferd gerne Anvertrauen

Nun nehmen wir mal Alltagsbedingungen hinzu, die das ganze mit beeinflussen:

wir möchten nicht mehrmals täglich zum Füttern kommen
wir möchten Platz für unsere Kinder haben
wir möchten, dass unsere gut erzogenen Hunde uns begleiten dürfen
wir möchten so nah wohnen, dass wir auch täglich zu unseren Pferden fahren können
wir müssen dies von unseren Einkommen auch bezahlen können
wir möchten freie Tierarzt, therapeuten und Hufpflegeauswahl
wir möchten ein pferdegerechtes Ausreitgelände, Möglichkeiten gesund zu Reiten und gymnastierende Boden- und Longenarbeit zu machen
wir möchten selber entscheiden, welche “lehrer” wir dazu an unsere Seite holen
wir möchten auf alternative Heilmethoden (Physiotherapie, Osteopathie, Akupunktur…) nicht verzichten müssen

Und nun nehmen wir die Besonderheiten unserer Pferde ( die meisten haben mehrere auf einmal – es bleibt bei insegesamt 5 Pferden) hinzu:

zwei Pferde hatten bereits Kolikoperationen und Reheschübe : Weide nur sehr eingeschränkt möglich, aber keine leeren Mägen durch lange Futterpausen
zwei Pferde sind schon sehr alt (empfindlicher gegen Witterungseinflüsse und Stress)
zwei Pferde haben Probleme mit ihren Atemwegen (kein Stroh, ausreichend Luft)
ein Pferd hat Spat (ausreichend Bewegung)
eines hat bereits zwei Sehnenanrissse auskuriert (keine tiefen rutschigen Untergründe)
eins neigt zu Mauke (keine Matsche)
zwei haben immer wieder Probleme mit ihren Zähnen ( fressen langsamer, brauchen mehr Zeit)
zwei hatten schon Magengeschwüre
eins hat Arthrose
eines sieht nicht mehr ganz so gut
eines hat immer wieder Kotwasserprobleme

Und jetzt noch die Bedenken der Besitzer:

“Mein Pferd hat grosse Probleme, wenn es nicht genügend Abstand zu den anderen hat”
“Mein Pferd braucht einen Platz, wo es sich ungestört ausruhen kann”
“Mein Pferd ist zu alt um sich in einer neuen Herde den Auseinandersetzungen zu stellen”
“Mein Pferd frisst zu viel und wird schnell fett”
“Mein Pferd hat noch nie in einer Herde gestanden”
“Mein Pferd verträgt keinen starken Wind”
“Was ist,wenn mein Pferd nachts eine Kolik hat und keiner merkt es, weil es auf der Weide steht?”
“Mein Pferd benötigt immer wieder eine Decke, weil es wegen seines Alters nicht mehr mit allen Witterungen zurecht kommt”
“Mein Pferd schlingt, wenn andere neben ihm fressen”
“Mein Pferd wird vielleicht getreten und ernsthaft verletzt, weil es nicht mehr so wendig ist”
“Mein Pferd wird vielleicht (zu Beginn) gejagt undder Kreislauf überlastet”
“Schafft mein Pferd komplikationslos einen Stallwechsel und bewältigt ohne Schaden diesen Stress?”

Ich rede hier also nicht von Pferden, die das Glück hatten ein Leben lang in einer gesunden Herdenhaltung, auf geeigneten Bodenuntergründen mit besten Futter- und Haltungsbedingungen aufzuwachsen. Ich rede von Pferden, die schon viele Jahre hinter sich haben und etliche Blessuren und Alterserscheinungen mitbringen.

Und nun stelle ich mal die Frage in den Raum: Was bedeutet artgerechte Pferdehaltung? Wie sehr kann man dies Verallgemeinern? Wie sehr nehmen individuelle Besonderheiten Einfluss auf die Beantwortung dieser Frage?

Ich würde mich freuen, wenn ganz viele darüber nachdenken würden und ihre Meinungen hier auch  veröffentlichen würden! Ich glaube, dass es sehr spannend wird, was wir auf diesem Wege zusammentragen werden. In meiner therapeutischen Arbeit stehe ich jeden Mal vor der Aufgabe, aus dem Moment heraus zu enstcheiden, was mein Patient jetzt und in Zukunft an Hilfe und Unterstützung benötigt und muss mich immer von Verallgemeinerungen trennen und individuell auf die Bedürfnisse der Einzelnen und deren Lebensbedingungen angepasst reagieren und behandeln. Kann man artgerechte Pferdehaltung verallgemeinern? Gibt es Bedingungen die wirklich für alle domestizierten Pferde gelten?

Ich freue mich auf Eure Gedanken!

Liebe Grüße

Britta Reiland

Bücher zum Thema:

Gedanken über ein artgerechtes Leben für mein Pferd

„Was zeichnet ein gutes Leben für mein Pferd überhaupt aus?“

In dem Wort „gut“ verbirgt sich ein großer Interpretations-Spielraum:

Was der Eine als „gut“ für sein Pferd empfindet, muss der Andere bei weitem nicht befürworten und umgekehrt ebenfalls. Beide Ansichten sind jedoch „anthropozentrisch“ und werden es auch bleiben. Damit ist nicht unbedingt gemeint, dass wir uns egoistisch gegenüber unseren Tieren verhalten, sondern, dass wir als Menschen nun einmal die Welt als Mensch wahrnehmen und nach unseren Bedürfnissen gestalten. Sobald wir aber ein anderes Lebewesen in unsere Obhut begeben, haben wir die Verantwortung, meines Erachtens sogar die Verpflichtung den Bedürfnissen von jenem gerecht zu werden. Aufgrund der Tatsache, dass wir Menschen sind, können wir uns bloß vorstellen, wie sich unser Tier in einer bestimmten Situation fühlt, was es jedoch für das einzelne Tier wirklich konkret bedeutet, das können wir nur erahnen.

Als Kind spielte ich „Hund“ und imitierte meine Hunde, dennoch konnte ich nie erfahren können, wie sie die Welt sehen. Oft habe ich mir gewünscht für einen Tag ein Hund zu sein oder dass Tiere mit uns sprechen könnten. Besonders als Charly letztes Jahr unklar lahm war, hätte ich mir nichts lieber gewünscht als dass er mir sagen könnte, wo er Schmerzen und wie intensiv hatte. Abgesehen davon, fällt es uns Menschen oft schon schwer sich in einen anderen Menschen zu versetzen, gerade was Empfindungen betrifft. Selbst wenn wir als Mensch für solche Eindrücke scharf umrissene Umschreibungen finden. Man darf sich in diesem Fall nicht durch die verwendeten sprachlichen Formen in die Irre führen lassen. Es sollte nicht davon ausgegangen werden, dass Substantive für Empfindungen etwas in ähnlicher Form bezeichnen, wie es beispielsweise Ausdrücke für materielle Gegenstände in Raum und Zeit tun, denn sie haben schließlich kein konkretes, sichtbares Bezugsobjekt. Deshalb ist die Funktion der sprachlichen Bezeichnungen für Empfindungen wesentlich schwieriger zu beschreiben, da sie erst einmal subjektiv sind. Im allgemeinen Sprachgebrauch können wir durchaus wissen, wenn man Schmerzen hat, wie zum Beispiel die Mutter um die Schmerzen ihres Kindes, da es „Aua“ oder ähnliches sagt. Wie können wir dann ein gutes Leben für unser Pferd bestimmen, wenn das andere Lebewesen sich uns nicht immer eindeutig mitteilen kann, da es nicht „unserer“ Sprache fähig ist?

Wie oben schon erwähnt, ist „gerecht werden“ das Stichwort:
Ersetzen wir gut durch „artgerecht“. Die Eigenheiten der Spezies „Pferd“ berücksichtigen und Parameter finden, an denen wir uns orientieren können und nicht an Aspekten, die wir vermeintlich gern hätten. Nach § 2 des Tierschutzgesetzes muss, wer ein Tier hält, es seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen, und er darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen, vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden.
Da ein Pferd ein Herdentier ist, ist die Einzelhaltung ohne sozialen Partner nicht verhaltensgerecht. Das Pferd ist von Natur ein Schritt-Tier, dass sich bis zu 16 Stunden langsam bewegt. In unserer Haltung müssen wir demnach dem Pferd zusätzliche Bewegung (neben Reiten, Fahren etc.) verschaffen. Dem Pferd ist so häufig als möglich Weidegang zu gewähren, da es seinem natürlichen Lebensraum am ehesten entspricht. Das Futter muss dem Bedarf des Pferdes entsprechen. Zur artgemäßen Ernährung des Pferdes gehört ein ausreichender Teil an strukturiertem Futter. Besteht kein freier Zugang zum Raufutter, muss es mindestens dreimal täglich verabreicht werden. Futteraufnahme ist auch Beschäftigung! Die Atemwege des Pferdes reagieren auf Staub und Schadstoffen sehr empfindlich! Für ausreichende Frischluftversorgung und angemessene Luftzirkulation muss gesorgt sein. Staub- und Keimgehalt, relative Luftfeuchte und Schadgaskonzentration müssen in einem Bereich gehalten werden, der für die Pferdegesundheit unbedenklich ist.

Zusammenfassend ist zu nennen, dass sich aus der Sicht des Tierschutzes viele Anforderungen an der Tierhalter ergeben:
Durch entsprechendes Management muss eine artgerechte Haltung sichergestellt werden. Unter anderem. muss jedem Pferd ausreichend Bewegung verschafft werden, eine tägliche Kontrolle auch hinsichtlich von Krankheitsursachen mit anschließender rechtzeitiger Hinzuziehung eines Tierarztes, ausreichende Fütterung, und entsprechender Erziehung, damit entsprechende Pflegemaßnahmen und Untersuchungen überhaupt möglich sind. Bei der Gestaltung der Haltungsmöglichkeiten sollten entsprechende Richtmaßen hinsichtlich Grundfläche der Laufställe bzw. von Abtrennungen etc. bekannt sein und als Mindestvorgaben eingehalten sein (vgl. www.pferdeleben.de).

Da ich als Pferdebesitzer verantwortlich für mein Pferd bin, treffe ich eigene Entscheidungen, die für mich selbst vertretbar sein müssen. Leider rechtfertigen einige mit diesem Standpunkt, dass sie ihr Pferd so oder so behandeln. Das Problem fängt bei dem Wörtchen „mein“ an, da wir meines Erachtens kein Pferd besitzen können, wie zum Beispiel ein Auto. Fatalerweise wird auch im Gesetz ein Tier immer noch als Sache gehandhabt. Wird zum Beispiel ein Kind überfahren, empfinden viele das als wesentlich schlimmer, als wenn eine Katze überfahren wird, es sein denn es ist ihre eigene und haben somit einen Selbstbezug. Denken wir da nicht verkehrt? Der Wert eines Lebens bemisst sich doch nicht an der Spezies. In diesem Zusammenhang möchte ich noch erwähnen, dass ich es nicht nachvollziehen kann, dass sich viele Reiter empört darüber aufregen, wenn jemand Pferdefleisch ist, aber selbst zum Beispiel Schwein essen. Meiner Meinung nach darf kein Unterschied gemacht werden, in beiden Fällen wird ein Lebewesen getötet.

Ich hoffe, dass ich euch mit meinen Gedankengängen etwas zum Nachdenken anregen konnte und ihr aktiv werdet, wenn ihr ein anderes Lebewesen (ob Mensch oder Tier) leiden seht. Sie werden es euch auf ihre eigene Art und Weise danken!

Eure Alex