Von Influencern, Internetidolen und Photoshop

Ein Appell an den gesunden Menschenverstand! Lasst euch nicht verarschen. Seid wachsam und kritisch und glaubt nicht alles, was ihr lest. Die sozialen Netzwerke sind voll von Selbstdarstellern und das Internet ist ihre Bühne. Dabei ist das, was man zu sehen bekommt nur die gefilterte Version der Realität. Erzählt wird nur, was in den Channel passt und Photoshop sei dank, sind passende Bilder ebenfalls schnell gezaubert. Warum haben einige Menschen das unglaubliche Bedürfnis sich selbst, ihre Tiere und ihre vermeintlichen Leistungen so öffentlich breit zustreuen? Ist deren Geltungsbedürfnis so groß, dass es nicht mehr reicht vom eigenen Bekanntenkreis angehimmelt zu werden? Ich geb’s ja zu, ich schau mir nur all zu gern die Seiten an, von Personen, die ich in real kenne. Der Vergleich von “Show” und Realität ist oft erschreckend. Da wird eine heile Welt suggeriert, wo es einfach keine gibt. Und anstatt sich mal mit den Problemen des Alltags zu beschäftigen, wird lieber das neue “Outfit” vorgestellt oder sich drüber erfreut wie toll das Pferd doch beim letzten Springkurs ging. Das der Besitzer dieses Pferd gar nicht selbst reiten, geschweige denn ordentlich führen kann, wird dann gerne mal ausgelassen. Fotos, die ein Vertrauensverhältnis offerieren – das Pferd steht ohne Zaumzeug, ohne Halfter einfach Frei neben seinem Besitzer mitten im Feld… Alles nur Fake, die Überbelichtung zeigt deutlich, dass hier Photoshop eingesetzt wurde, um das Halfter zu entfernen. Vertrauen – fehlanzeige. Aber warum postet man ein solches Bild? Warum will man unbedingt aller Welt zeigen, wie wunderbar es doch alles scheint?

In der Psychologie gibt einen Begriff dafür: Narzissmus.  Ein Narzisst ist im weitesten Sinne ein Mensch, der sich selbst als besonders wertvoll einschätzt. Selbstverliebtheit wird in diesem Zusammenhang oft verwendet.

“Je größer die Zahl der Freunde und je häufiger jemand Bilder von sich hochlädt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Narzissten handelt.”

aus einer Studie von Prof. Markus Appel von der Universität Würzburg und Prof. Timo Gnambs vom Leibniz-Institut (absatzwirtschaft 6/2019 S. 94)

Man könnte nun meinen, dass ein Narzisst über ein ausgesprochen hohes Maß an Selbstbewusstsein verfügt. Dem ist aber nicht so. Im Grunde haben solche Menschen häufig ein derart geringes Selbstwertgefühl, dass sie stets und ständig auf Zuspruch angewiesen sind. Ohne die Bewunderung von außen fühlen sie sich schnell klein und wertlos. Deshalb streben sie stets und ständig danach anderen zu zeigen, wie toll sie doch sind. In der Pferdewelt wird das gerne, wie so vieles, auf dem Rücken der Tiere ausgetragen. Mein Pferd ist so außergewöhnlich toll und es hat die tollsten Schabracken und überhaupt die beste Ausrüstung und es kann Springen, und so weiter und so fort…. Angeberei nannte man das früher mal. Heute ist für viele Menschen vollkommen normal geworden. Alles was neu und in ihren Augen toll ist, muss gezeigt werden und zwar der Öffentlichkeit, der Welt. Likes und Kommentare sind dann die ach so begehrte Bestätigung: “Du hast es geschafft – du wirst bewundert!” Für diese fünf Sekunden Ruhm, wird auch vollkommen ausgeblendet, dass die Realität ganz anders aussieht. Alle Welt denkt zwar, dass du ein tolles Pferd hast und sie beneiden dich, dafür, dass du mit ihm eine aufregende Turnierkarriere startest, dass du in diesen tollen Sets rum reiten kannst und dass du ohne Zaumzeug im Gelände unterwegs bist… ach wie toll – doch in Wirklichkeit kannst du nicht mal allein reiten, geschweige denn das Gelände allein verlassen. Im Stall haben alle Mitleid, dass dein Pferd anscheinend so schwierig ist und es dir so schwer macht… Aber anstatt daran zu arbeiten, Hilfe anzunehmen, von Menschen bei denen es wirklich gut läuft, postet du lieber im Internet und lebst dort deinen Traum. Schade ist es am Ende für die Pferde, die unter Zwang und Druck posieren müssen, um den Schein zu wahren. Authentizität – Fehlanzeige.

In der Werbung haben wir dafür auch einen Fachausdruck: Influencer. Früher wollte man ein Star werden, heute ein Influencer. Das sind ganz einfache Menschen, die im Internet eine sehr hohe Reichweite mit ihrer Selbstdarstellung erreichen. Tausende von Abonnenten verfolgen ihre Posts. Kein Wunder also, dass diese Reichweite all zu gerne für kommerzielle Zwecke verwendet wird. Große Unternehmen wissen längst, dass es sich lohnt auf Blogger, Instagrammer, Youtuber und Co. zu setzen. Denn wie erreicht man vor allem jüngere Zielgruppen besser, als über deren Idole. Neben der reinen Selbstbestätigung ist also auch der Wunsch zur Elite, zum oberen Kreis der Influencer zu gehören, ebenfalls ein Antrieb, der die Zurschaustellung im Internet vorantreibt. Mit seiner Selbstdarstellung Geld zu verdienen, ist der Traum von Vielen. Doch ist es genau diese Gier nach Reichweite, welche der Authentizität im Wege steht. Die unverblümte Realität will man nicht zeigen. Warum eigentlich nicht? Es wäre doch viel interessanter zu sehen, wie man bestimmte Probleme, die sicherlich fast alle kennen, die mit Pferden arbeiten, löst, anstatt sie zu verschleiern. Doch das wollen nur die wenigsten preis geben.

Doch was ist die Folge von all dem? Vermeintliche Experten werden um Rat gefragt, obwohl sie doch eigentliche gar keine Ahnung haben. Sie erhalten Anerkennung für Leistungen, die sie eigentlich gar nicht erbringen. Was noch viel schlimmer ist, sie stecken teilweise an. Junge Follower denken, na wenn mein Idol ohne Zaumzeug ins Gelände geht, dann probier ich das doch auch. Die solide Grundausbildung rückt in den Hintergrund, denn die Idole legen mehr Wert auf Schabracken und farblich passende Halfter usw. Ich denke es wird schnell klar, worauf ich hinaus will.  Andere wollen sein wie ihr Idol, obwohl sie eigentlich viel besser sind. Irgendwie sehr ironisch das Ganze.  Lasst euch nicht verunsichern von Lug, Trug und Schein. Geht immer kritisch mit Informationen oder photogeshoppten Bildern um. Himmelt an, was wirklich Anerkennung verdient und sucht euch Rat von echten Menschen, nicht von Internetpersönlichkeiten. In eurem Stall gibt es bestimmt genügend reale Vorbilder. Von denen sollte man sich inspirieren lassen und nicht von Momentaufnahmen, Fakes und Scheindarstellungen.

Ein Wort zum Schluss… Mir ist durchaus bewusst, dass ich hier alle über einen Kamm schere. Das ist nicht richtig. Sicherlich gibt genügend Blogger, Instagrammer, Youtuber und Co. die versuchen die Realität festzuhalten, die authentisch sind, die echt sind. Doch diese Echten von Falschen zu unterscheiden ist leider schwer. Und genau deshalb dieser Appell, kritisch zu sein und nicht alles zu glauben, was man sieht. Dann kann man sich auch Mal an den schönen Momenten anderer erfreuen, ohne, dass man dabei “verarscht” wird.

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