„Mustang Makeover“ das steckt wirklich dahinter – Interview mit Silke Strussione

Silke Strussione & Blackjack

Es ist ein beklemmendes Gefühl dem Leid von tausenden Wildpferden gegenüber zu stehen und dem Wissen zu begegnen, dass man doch nichts dagegen tun kann. Ganz anders Silke und Michael Strussione – 2 Menschen, die für Ihr Ideal kämpfen – 2 Menschen, die sich für die Mustangs einsetzen und damit einfach mal einen Taten statte Worte folgen lassen.

Mit ihrer Veranstaltung dem Mustang Makeover Germany möchten die beiden den Anmut und die Vielseitigkeit der Tiere näherbringen und damit einen Anreiz setzen, diese wundervollen Geschöpfe zu schützen. Ob durch eine Adoption eines Mustangs, oder durch eine Spende an die verschiedenen Hilfsorganisationen – diese Entscheidung obliegt am Ende dem Zuschauer selbst.

Jetzt kann man natürlich sagen, es ist gibt überall Leid und Tierquälerei, warum also genau die Mustangs und nicht eine andere Pferderasse…? Es ist leicht sich hinter Ausreden und Ohnmachtsbegründungen zu verstecken – umso schwerer ist es einen Anfang zu finden und tatsächlich etwas zu bewirken. Silke und Michael haben ihr Herz an die Mustangs verloren und setzen sich deshalb für eben genau diese ein. Man sollte ihrem Beispiel folgen, egal ob mit der Teilnahme am Event oder einem eigenen Projekt – jeder kann auf seine Art etwas bewirken. Kritik an einer guten Sache zu üben ist leicht, aber selbst eine gute Tat zu begehen ist schwer. In diesem Sinne sollte jeder darüber nachdenken, wie er selbst aktiv werden kann und wie bereits kleine Dinge großes bewirken können.

Silke Strussione hat sich hier extra die Zeit genommen, mir einige kritische Fragen zum Mustang Makeover zu beantworten. Vielleicht kann damit so mancher Zweifel an den Idealen des Events beseitigt werden:

1. Wo genau kommen die 15 Mustangs her, die für die Veranstaltung ausgewählt wurden?
Die Mustangstuten, welche für das Mustang Makeover ausgewählt wurden sind im November 2015 aufgrund einer Überpopulation aus der Wildbahn eingefangen worden. Das BLM hat die Stuten registriert und sie in der Auffangstation in Burns/Oregon untergebracht. American Mustang Germany hat die Pferde ausgewählt und wird sie für das Mustang Makeover nach Deutschland importieren. Diese Pferde stehen für derzeit 47.000 Mustangs in den Auffangstationen.

2. Wie läuft der Transport der Pferde genau ab?
Die Pferde werden in den USA von einer sehr erfahrenen Mustangtrainerin auf den Import vorbereitet. Das bedingt, dass die Pferde geführt, angebunden und verladen werden können. Ansonsten wäre der Transport nicht durchzuführen. Da bis heute alle Mustangs problemlos geflogen sind, machen wir uns auch bei den Eventmustangs keine Sorgen. Unsere Trainerin wird die kleine Herde darüber hinaus begleiten.

3. Wie lange haben die Pferde Zeit sich an die neue Umgebung zu gewöhnen, bevor das Training beginnt?
Mustangs sind sehr anpassungsfähig, sie gewöhnen sich innerhalb weniger Stunden ein. Die Pferde werden direkt nach dem Flug an die Trainer verlost. Diese nehmen „ihren“ Mustang direkt mit auf die eigene Anlage. Sie müssen sich also nicht nochmal neu orientieren. Dort können sich die Pferde einige Tage einleben. Jeder Trainer entscheidet wann er mit dem eigentlichen Training startet. Wir gehen davon aus, dass die ersten Tage zur Kontaktaufnahme genutzt werden. Das Training wird per Video begleitet.

4.  Was genau sollten die Pferde in den 90 Tagen Training lernen? Und reicht die Zeit dafür aus, bzw. ist das auch ein Pferdegerechteres Trainingsziel?
Wir haben den Trainern für diese 90 Tage kein festes Ziel gesetzt. Natürlich freuen wir uns wenn die Mustangs auf dem Event geritten werden können, setzen das aber nicht voraus. In den 3 Monaten soll an einer pferdegerechten Basisausbildung gearbeitet werden. Das Pferd bestimmt den Verlauf des Trainings. Wir haben das Event unter das Motto „from wild to mild“ gesetzt. Harmonie und Vertrauen werden in den Prüfungen bewertet. Partnerschaft und Fair Play sind die Werte die wir erkennen möchten. Es zählt nicht das am Weitesten ausgebildetste Pferd, sondern das harmonischste Team. Eine Alternative zu bisherigen Turnier- und Wettbewerbsveranstaltungen.

5. Nun kommen wir noch einmal zum eigentlichen Hintergrund der Veranstaltung. Wie steht es aktuell um die Mustangs in den Vereinigten Staaten von Amerika?
Die Anzahl an Mustangs ist so stark angestiegen, dass das Verhältnis von Mustangs zu den zur Verfügung stehenden Weideflächen im Ungleichgewicht ist. Ein Hauptgrund sind die fehlenden Fressfeinde, die den Pferdebestand zu früheren Zeiten regulierten. Zudem stehen den Pferden nur die Flächen zur Verfügung die 1971 im Gesetzt festgehalten wurden. Daraus resultierend gibt es zu viele Mustangs auf zu geringer Fläche. Diese fressen das Land so kahl, dass es erstens, nicht mehr für alle Tiere reicht und zweitens, sich die Pflanzen nicht mehr regenerieren können. Ein Überleben der folgenden Mustanggenerationen wird immer schwieriger.
Derzeit leben 57.000 Mustang in freier Wildbahn, bereits 47.000 in Auffangstationen. 2017 werden über 10.000 neue Fohlen „on the range“ erwartet. Berechnungen ergaben eine Zahl von 27.000 Mustangs die gesund auf den zur Verfügung stehenden Flächen leben können, ohne das Land zu zerstören. Es muss also etwas getan werden. Über eine Geburtenkontrolle wird zukünftig versucht die Population einzugrenzen, ob das funktioniert wird man sehen. Fakt ist, wenn nichts getan wird, wird sich die Population in 4 Jahren verdoppeln- so die Hochrechnungen.

6. Inwiefern kann das Mustang Makeover dazu beitragen, dass sich die Umstände für die Pferde bessern?
An der Situation in den USA können wir nicht wirklich viel ändern, auch wenn wir auf hoher Ebene Gespräche führen. Aber wir nutzen die Chancen die wir haben und machen über das Mustang Makeover auf diese besonderen Pferde aufmerksam. Uns ist es eine Herzensangelegenheit diesen Pferden hier in Deutschland eine Plattform zu bieten. Bereits heute gibt es einige Mustangs in Deutschland und alle Besitzer sind absolut überzeugt. Wir möchten allen die Chance begeben diese tollen Pferde kennenzulernen, sich vielleicht in sie zu verlieben und sich zu entscheiden einem Mustang aus den Weiten Amerikas ein Zuhause zu geben.

7. Was sagst du zu dem Vorwurf, dass es beim Mustang Makeover Germany nur darum geht, die amerikanische Marke des „American Mustang“ zu verkaufen?
Ich glaube nicht, dass es hier um eine Marke geht, geht es doch vielmehr um die Legende Amerikas. Geschichtlich gesehen weiß ich nicht wo der Mensch ohne diese Pferde heute wäre? Sie halfen beim Erschließen von Siedlungen, erleichterten das Überwinden großer Strecken, der Ackerbau wurde einfacher, schwere Lasten konnten transportiert, Kriege gewonnen werden und vieles mehr. Ist es nicht an der Zeit für diese Tiere etwas zu tun?

8. Wie stehst du zu dem in Deutschland verbreiteten Trend, Pferde vor dem Schlachter zu retten und in wie fern unterscheidet sich das Mustang Makeover von diesem Syndrom?
Das beantworte ich sehr gerne. Wir werden manchmal angesprochen, dass es toll ist, dass wir Mustangs retten. Das tun wir aber nicht. Wir retten keine Mustangs. Und da nehme ich deutlich Abstand. Die Mustangs stehen in den Auffangstationen und warten auf ihre Chance, das ist richtig. Aber erstmal sind sie versorgt. Sie haben Futter, Wasser und Platz zum Laufen- natürlich kein Ersatz für die Freiheit.
In meinen Augen rettet man ein Pferd, dessen Leben bedroht ist, oder dem es schlecht geht. Wenn das unser Ziel wäre, könnten wir vor der eigenen Haustüre anfangen, das ist richtig. Hier gibt es genug Pferde denen es schlecht geht, teils auch in Privathand…
Über das MUSTANG MAKEOVER hoffen wir nun viele Menschen von den Mustangs zu überzeugen, denn unter diesen tollen Pferden gibt es wirkliche WOW Pferde die auch im Sport überzeugen.
Das MUSTANG MAKEOVER hat das Ziel, die durch die Wildbahn geprägten, sehr menschenbezogenen Pferde als Familien- und Sportpartner bekannt zu machen. Aufgrund der natürlichen Selektion sind sie unserer Meinung nach sehr gesund und widerstandsfähig, bringen dazu aber eine hohe Sportlichkeit mit. Perfekte Partner.

Event: Mustang Makeover – spannend, lehrreich & für den guten Zweck

Veranstaltungsdaten:

Datum: 05. und 06.August 2017

Veranstaltungsort: CHIO Aachen Gelände, Albert-Servais-Allee 50, 52070 Aachen 

Eventfläche: ca. 85.000 Quadratmeter, Deutsche Bank Stadion, Albert-Vahle-Halle, Außenreitplatz

Messebereich: ca. 5.000 Quadratmeter 

Eintrittspreise: ab 39,50 € für eine Tageskarte

Vorverkauf: In Kooperation mit Eventim Sports Tickets unter www.mustangmakeover/tickets

Zur Veranstaltung

Deutschland ist im Mustangfieber und das nicht erst seit das Buch Der letzte Mustang in diesem Jahr neu aufgelegt wurde (Zur Rezension). Es sind ihre außergewöhnlichen Eigenschaften und ihr ganz besonderer Spirit, der sie so einzigartig macht. Sie verfügen über ein besonders ausgeprägtes Sozialverhalten, sie sind überaus intelligent und dabei stets ehrlich gegenüber Menschen. Das Vertrauen dieser wunderschönen und im Herzen so freien Geschöpfe zu gewinnen, löst einfach ein unbeschreibliches Gefühl aus – so die Veranstalter Silke & Michael Strussione.

„Es ist fast wie Magie“ (Silke Strussione, Initiatorin von American Mustang Germany)

Durch ihre natürliche Lebensweise in freier Wildbahn sind sie vollkommen unverfälscht von menschlichen Einflüssen. Diese Authentizität macht sie zu exzellenten Partnern. Aufgrund ihrer Abstammung und Lebensart sind sie zäh, ausdauernd, nervenstark und im besonderem Maße robust. Mustangs eigenen sich deshalb für alle Reitweisen. Gewinnt man einmal ihr Vertrauen, so hat man einen vielseitigen Freizeitpartner fürs Leben.

Das so genannte Mustang Makeover – ist bereits seit vielen Jahren eine sehr beliebte und erfolgreiche Veranstaltung in den USA. Im August diesen Jahres kommt das Event unter der Organisation von Silke und Michael Strussione erstmals nach Deutschland.

Für das Mustang Makeover wurden 15 noch komplett rohe Mustangs, die in der freien Wildbahn Amerikas aufgewachsen sind, aus einer Auffangstationen nach Deutschland gebracht. Sie werden im Mai  mittels Losverfahren an 15 TopTrainer vergeben und in insgesamt 90 Tagen trainiert, mit dem Ziel, sie reitbar zu machen. Durch den Wettbewerb soll auf die Situation der Tiere in den USA aufmerksam gemacht werden. Zudem liegen weitere Schwerpunkte des Events in der Weitergabe von Wissen zum Thema Pferdetraining und Pferdegesundheit. Auch das Interesse zur Adoption/den Kauf eines Mustangs soll bei der Veranstaltung geweckt und über die wichtigen Fakten informiert werden.

Die unterschiedlichen Herangehensweisen der Trainer, die Trainingsergebnisse und die anschließende Versteigerung der ausgebildeten Tiere bilden den Höhepunkt. Darüber hinaus gibt es ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm und zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten für Pferdefreunde auf dem Aachener Messegelände.

Die Trainer

Unter den teilnehmendes Top Trainern sind unter anderem auch, aus der VOX-Fernsehserie „Die Pferdeprofis“ bekannt, Bernd Hackl und Sandra Schneider. Aber auch die Grand-Prix Gewinnerin und Dressurtrainerin Andrea Bethge:

„Ich kann mir vorstellen, dass das Zusammensein mit einem Mustang magisch ist. Nun darf ich es selbst erleben, aus eigener Erfahrung berichten und damit vielleicht dazu beitragen, dass der American Mustang bekannter – und beliebter – wird. Das ist die große Motivation für mich, an diesem Projekt teilzunehmen.“ (Andrea Bethge)

Die durch das Trainingskonzept Horseability bekannte Trainerin Vivian Gabor hat auch einen Mustang bekommen und will sich vor allem auf sein natürliches Lernverhalten konzentrieren. Der Monty-Roberts-Instruktor Luuk Teunissen und die Parelli Professional ****-Senior Instruktorin Silke Vallentin sind ebenfalls dabei.

„Ich bin beim MUSTANG MAKEOVER 2017 dabei, weil ich diese besondere Rasse unheimlich spannend finde. Sein Exterieur erweckt meine Aufmerksamkeit. Doch die wahre Faszination entsteht durch den Blick ins Innere. Ich möchte den ursprünglichen Mustang in seinem Wesen entdecken und herausfinden, was diese naturbelassenen Geschöpfe bestimmt. Gleichzeitig unterstütze ich den Gedanken dieses Events, das zur Bekanntmachung und zum Schutz der Mustangs beiträgt.“ (Silke Vallentin)

Weitere Trainer sind Maja Hegge, Thomas Günther, Ernst-Peter Frey, Birger Gieseke, Alexander Madl, Erich Busch, Yvonne Gutsche und Tanja RiedingerAllesamt sind große Namen in der Pferdeszene und gerade ihre unterschiedlichen Herangehensweisen machen den besonderen Reiz dieser Veranstaltung aus. Man kann nur gespannt sein, wie gut die Trainingskonzepte bei den wilden Mustang funktionieren und welcher der Trainer das Vertrauen dieser schönen Geschöpfe erlangen kann.

Fazit

Eine wirklich spannende Veranstaltung, die aufgrund der unterschiedlichen Reitweisen/Einstellungen der Trainer sowohl sehr lehrreich, als auch im höchsten Maße emotional sein wird. Der Tierschutz-Aspekt im Hintergrund ist ebenfalls sehr lobenswert und  sollte nicht außer Acht gelassen werden. So geht es hier nicht nur darum, 15 Mustangs ein neues Leben zu schenken, sondern vielmehr auch die Aufmerksamkeit auf die Tatsachen in den Reservaten zu lenken. Ein Grund mehr für mich das Mustang Makeover hier vorzustellen.

Trailer:

Buchrezension: Horsemanship Training

Die Autorin Kerstin Diacont arbeitet bereits seit mehr als 25 Jahren mit einem ganzheitlichen Ausbildungskonzept von Pferd und Reiter. Dabei greift sie auf ihr umfassendes und vor allem reitweisenübergreifendes Wissen zurück. Besonders bekannt ist auch ihre 3 teilige Videoserie zum Thema „Reiten lernen“.  In ihrem neuesten Buch: Horsemanship-Training (Die Reitschule) vor geht es vor allem um eine feine und aufmerksame Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Die vorgestellten Übungen aus dem Bereich des Natural Horsemanship (NHS) stellen dabei die Basis für ein erfolgreiches Pferdetraining, vom Boden und Sattel aus, dar.


Das handliche Taschenbuch mit Softcover-Einband gehört zur Müller Rüschlikon Serie: Die Reitschule und umfasst 94 Seiten. Dabei ist es ansprechend bebildert und sehr übersichtlich in 4 zentrale Kapitel untergliedert. Im 1. Kapitel werden einige Grundlagen zum Verständnis des NHS-Prinzips und die damit verbundene Denkweise erläutert. Anschließend wird die notwendige Ausrüstung betrachtet. Im 3. Kapitel geht die Autorin nochmal ausführlich auf die unterschiedlichen Lernschwerpunkte getrennt zwischen Mensch und Pferd ein. Das letze Kapitel stellt die konkreten Übungen vor und macht den größten Teil es Buches (ca 56 Seiten) aus.

Kapitel 1: Grundsätzliches

Zunächst erläutert die Autorin einige Aspekte zum Grundverständnis der Denkweise des Horsemanship. Dabei wird vor allem die zentrale Rolle der erfolgreichen Kommunikation erläutert.

„Gute Kommunikation bedeutet auch nicht, dass einer immer nur zuhört (empfängt) und der andere immer nur redet (sendet). Stattdessen ist wechselseitiges Zuhören gefragt, dazu Konzentration, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sowie gegenseitiger Respekt.“ (Diacont, 2016, S. 5)

Viele Probleme in der Ausbildung von Mensch und Pferd resultieren aus kommunikativen Missverständnissen.

„Wie schon im zwischenmenschlichen Bereich kommt es zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten, die im Allgemeinen dem Pferd als Ungehorsam oder Aufsässigkeit ausgelegt werden. Oft sind es jedoch nur unklare Signale oder inkonsequentes Verhalten des Menschen, die dazu führen, dass das Pferd das Vertrauen in die >>Führungskompetenz<< des Reiters verliert und selbst entscheidet, was zu tun ist.“ (Diacont, 2016, S. 5)

Kerstin Diacont erklärt in diesem Kapitel zudem ausführlich, wie wichtig die mentale Ebene bei der Arbeit mit Pferden ist. Gedanken oder eine negative Grundeinstellung können bereits falsche Signale an das Pferd senden. So können sich beispielsweise Gefühle wie Angst direkt auf das Pferd übertragen. Die regelmäßige Arbeit vom Boden aus schafft somit eine feste Basis der Kommunikation.

“ Mensch und Pferd finden ohne Stress eine gemeinsame Basis der Verständigung und lernen die jeweilige Sprache des anderen besser kennen.“ (Diacont, 2016, S. 6)

Sehr lobenswert ist die allgemein positive Grundeinstellung des gesamten Buches. Das Pferd wird hier keinesfalls als untergeordnet angesehen, das den „Befehlen“ folgen muss. Es wird hier vielmehr ein Weg aufgezeigt, der durch Hartnäckigkeit, Geduld und Verständnis trotzdem zum Ziel führt. Mein absolutes Lieblingszitat in diesem Zusammenhang ist:

„Eine strenge Erziehung bedeutet nun auf keinen Fall Brutalität gegenüber dem Pferd, sondern immer nur ruhige, beherrschte Unnachgibigkeit, eine Art von lächelnder Sturheit seitens des Menschen nach dem Motto: >>Lass dir Zeit, soviel du willst – am Ende machst du doch das, was du sollst.<<“ (Diacont, 2016, S. 17).

Sehr ausführlich wird die Thematik des Strafens behandelt. Es werden verschiedene Stufen von der Ermahnung bis zu Maßregelung vorgestellt. Wichtig hierbei auch die Emotionslosigkeit (s. 17) und das antrainieren der richtigen Reflexe (S. 18) um schnell zu reagieren. Sehr schön finde ich auch das Zitat:

„Ein Pferd kann man nicht antiautoritär erziehen – das entspricht nicht seiner Natur.“ (Diacont, 2016, S. 19)

Dabei geht es keinesfalls darum, stehts und ständig Strafen anzuwenden. Die Autorin weist lediglich daraufhin, dass man dem Pferd keinen Gefallen tut, indem man rücksichtsloses Verhalten, welcher Art auch immer, durchgehen lässt. Vielmehr fühlt sich ein Pferd dann sicher, wenn ihm faire und vor allem kontinuierliche Grenzen gesetzt werden. Nur dann kann es dem Menschen voll und ganz Vertrauen. Das gelingt jedoch nur, wenn im richtigen Moment auch mal gemaßregelt wird – denn ein Pferd, dass Sie nicht kontrollieren können – wird zu einer Gefahr für Sie und Ihre Umwelt.

Kapitel 2: Ausrüstung

In diesem Kapitel wird das Rad natürlich nicht neu erfunden. Empfohlen wird für die Arbeit nach NHS ein Knotenhalfter, ein Führstrick (3,5 m), wahlweise ein Sidepull oder ein Kappzaum,  und eine Longe. Die Autorin geht hier sowohl kurz auf den korrekten Sitz, als auch auf die Wirkungsweise ein. Allerdings ist dieser Abschnitt wirklich sehr kurz. Wer sich tiefer damit beschäftigen möchte, sollte sich weitergehend über die jeweilige Zäumung informieren, Das kann vor allem beim Knotenhalfter notwendig sein, um den korrekten Sitz richtig einzuschätzen.

Kapitel 3: Was Mensch und Pferd lernen sollen

Ein sehr schönes Kapitel, dass unterteilt in Mensch und Pferd die jeweiligen Trainingsschwerpunkte erklärt. Dabei ist vor allem der 1. Teil interessant, bei dem es um die notwendigen Qualifikationen des Menschen geht. Es werden sowohl mentale Fähigkeiten, als auch körperliche vorgestellt. Führungsqualitäten, Körperbeherrschung, sowie Kenntnisse „über Anatomie, Psychologie und Kommunikationsmechanismen bei Mensch und Pferd“ (Diacont, 2016, S. 33) sind hierbei die wichtigen Stichworte.

Kapitel 4: Übungsteil

Dieses Kapitel startet zunächst mit einigen wichtigen Grundlagen im Bezug auf die eigene Körperbeherrschung. Verdeutlicht werden diese durch Trockenübungen mit anderen Menschen.

„Üben Sie >>Führen und Folgen<< mit einem Partner; führen Sie selbst und lassen Sie sich führen – mit Körperkontakt (direkt und über eine simulierte Zügelverbindung mit einem Seil) un ohne, nur mit Augenkontakt“ (Diacont, 2016, S. 46)

Anschließend werden die Grundlagen nach Moto „wer bewegt wen erläutert. Dabei hat das Pferd 6 Möglichkeiten sich zu bewegen:

„nach vorne, nach hinten, zur Seite (rechts oder links), nach oben, nach unten“ (Diacont, 2016, S. 54)

Anschließend werden verschiedenste Übungen vorgestellt, die es dem Mensch ermöglichen das Pferd punktgenau zu koordinieren und einzelne Körperpartien in die 6 möglichen Richtungen zu bewegen. Der nachfolgende Abschnitt Longenarbeit leitet das Thema Gymnastizierung ein. Jetzt geht es nicht mehr nur darum, das Pferd zu bewegen, sondern wie es sich bewegt. Es werden Übungen vorgestellt, die eine gesundheitserhaltende Wirkung auf den Körper des Pferdes haben.

Im Anschluss werden die Übungen noch durch Trail und Hindernisarbeit aufgelockert. Der Abschnitt zum Thema Verladen stellt einfallsreiche Übungen vor, die eines der häufigsten Probleme zu bewältigen helfen.

Fazit

Insgesamt handelt es sich hier um ein sehr schönes und leichtverständliches Einführungsbuch in die Thematik des Natural Horsemanship. Es werden sehr wertvolle Denkansätze und leichte Übungen für den Beginn der Arbeit vorgestellt. Wer allerdings bereits Kenntnisse auf dem Gebiet hat, wird in diesem Buch wenig Neues finden. Die vorgestellten Übungen sind gut erklärt, allerdings gehen sie nicht wirklich in die Tiefe, vor allem was den Bereich Gymnastizierung oder auch die Ausrüstung angeht. Für Einsteiger, Umsteiger oder Neuinteressierte ist dieses Buch jedoch auf jeden Fall zu empfehlen. Es leicht verständlich und beinhaltet viele schöne Denkansätze, die die Einstellung des Lesern nachhaltig beeinflussen werden. Dabei gefiel mir am Meisten der Abschnitt zur Thematik der Autorität bei der Erziehung.

 

Infos zum Buch
Originaltitel:Horsemanship Training
Autor:Kerstin Diacont
Verlag: Müller Rüschlikon Verlag
Ort: Stuttgart
Jahr:2016
ISBN: 978-3-275-02058-4

Buchrezension: Pferde gymnastizieren – 65 Übungen für das tägliche Training

Die Autorin Ann Katrin Querbach ist Trainerin B im Bereich Westernreiten und Breitensport auf einem Pferdehof in Walddorfhäaslach (Baden-Württemberg). Die vorgestellten Übungen sind das Resümee aus ihrer mehrjährigen Erfahrung den Pferden und Reitern bei der Durchlässigkeit und Kommunikation zu helfen. Dabei fließen in ihrem Buch Pferde gymnastizieren: 65 Übungen für das tägliche Training vor allem biomechanische Aspekte in die Übungen mit ein, die eine gesundheitserhaltende Reitweise ermöglichen.


Das handliche Taschenbuch im Softcovereinband umfasst 160 Seiten, aufgeteilt in 11 Kapitel. Die einzelnen Seiten sind voll bestückt, sodass es trotz des relativ geringen Umfangs, eine geballte Ladung an Informationen beinhaltet. Aufgelockert wird das Gesamtwerk durch zahlreiche Abbildungen und Fotos. So lässt sich als ersten Gesamteindruck festhalten, dass es sich um ein sehr gehaltvolles und ansprechend gestaltetes Fachbuch handelt.

All die im Buch vorgestellten Übungen sollen dazu beitragen eine „größtmögliche Harmonie zwischen Mensch und Pferd“ (Querbach, 2015, S.6) zu erreichen. Dabei lässt die Autorin all Ihre Erfahrungen aus dem täglichen Reitschulalltag, sowie fundierte Kenntnisse aus dem Bereich der Biomechanik, der Klassischen und der Westernreitweise mit einfließen. Sie beschreibt die vorgestellten Übungen als Reitweisenunabhängig.

Inhalt:

Der Inhalt teilt sich in drei wesentliche Teile auf: Zu Beginn werden in den ersten drei Kapiteln wesentliche Grundsatzübungen erläutert, die als Voraussetzung für die weiteren Kapitel, dienen sollen. Die in  Kapitel vier bis zehn beschriebenen Übungen lehnen sich schwerpunktmäßig an den Ausbildungsskalen der FN und EWU an. In den letzten beiden Kapiteln werden schließlich noch spezielle Übungen für Western- und Springreiter vorgestellt.

1. Teil

Im ersten Abschnitt des Buches geht es erst einmal um die notwendigen Grundlagen: Der korrekte und lockere Sitz, die Atmung, das Spüren und gezielte Bewegen der einzelnen Körperpartien des Pferdes und schließlich dann erste Übungen für etwas Biegung und Durchlässigkeit des Pferdes.

„Damit wir unsere Hilfen richtig geben können und das Pferd in seiner Bewegung nicht stören, sollten wir richtig sitzen“ (Querbach, 2015, S. 8)

Die Autorin erklärt genau, wie wichtig diese Grundlagen sind, um die genannten Ziele mit dem kompletten Übungsprogramm zu erreichen. Sehr schön ist, dass Ann Katrin Querbach hier zunächst beim Menschen anfängt. Häufig ist dem Reiter gar nicht klar, dass kleine Defizite im Sitz oder in der Körperspannung so große Effekte haben. Sehr lobenswert sind vor allem die beschriebenen Wege der Selbstkontrolle:

„Setzen Sie sich auf die Hände, um ein besseres Gefühl für die Sitzbeinhöcker zu entwickeln“ (Querbach, 2015, S.10)

Dadurch kann man sich selbst Stück für Stück schulen und überprüfen, um so ein besseres Körpergefühl beim Reiten zu bekommen. Sehr gut gefallen hat mir auch der Exkurs „Wie lernen Pferde“ (S. 18). Dort wird anhand eines sehr guten Beispielrollenspiels das Lernverhalten beim Pferd verdeutlicht. Ziel ist eine feine Kommunikation zum Pferd, die es ihm so leicht wie möglich macht, uns zu verstehen.

„Machen Sie viele Pausen, loben Sie das Pferd, achten Sie darauf, dass die Motivation erhalten bleibt und kein Stress entsteht.“ (Querbach, 2015, S.35)

Die Grundlagen der allgemeinen Hilfengebung werden im Kapitel 2 nochmals ausführlich erklärt und durch zunächst einfache Übungen, wie Vorhand- und Hinterhand-Wendungen verinnerlicht.

„Eine korrekte Hilfengebung ist immer ein Zusammenspiel aller Hilfen.“ (Querbach, 2015, S. 21)

Im Kapitel 3 kommt dann bereits eine leichte Biegung mit ins Spiel in Form von Schlangenlinien und Volten, sowie Kontervolten. Die Übungen werden bereits hier etwas Anspruchsvoller und der Leser muss sich sehr gut in die Reitsituation hineindenken können. Vor allem die Übung 3.6 „Schulterherein mit anschließender Vorhandwendung“ (Querbach, 2015, S.47) erfordert ein hohes Maß an Koordination der einzelnen Hilfen.

2. Teil

Die Grundlagen sind nun gelegt und der Reiter hat nochmals alle notwendigen Kommunikationshilfen verinnerlicht. Wir nähern uns nun der Ausbildungsskala und beginnen zunächst im Kapitel 4 mit dem Takt.

„Der Takt und die psychische und physische Losgelassenheit des Pferdes stehen in direktem Zusammenhang.“ (Querbach, 2015, S. 50)

Dieser Abschnitt ist im Hinblick auf die vorgestellten Übungen bereits etwas anspruchsvoller und erfordert ein hohes Maß an Körpergefühl, sowohl für den eigenen, als auch für einzelnen Körperteile des Pferdes. Dabei ist jede Aufgabe gewohnt bildlich beschrieben, mit allerhand Hinweisen und Tipps für die korrekte Durchführung. Besonders gefallen hat mir das „Angaloppieren aus der Volte“ (S. 57), da ich diese Übung auch vom Boden aus, sehr schön in meine Longenarbeit mit einbauen kann. Hierbei liegt der Fokus auf das korrekte Anspringen, aber auch einen sauberen und gebogenen Galopp.

In den nachfolgenden Kapiteln, bis hin zum Kapitel 10, werden die Themen Losgelassenheit, Anlehnung & Nachgiebigkeit, Hinterhandaktivierung, Geraderichten und schließlich die Versammlung /Absolute Durchlässigkeit behandelt.

3. Teil

Im letzten Abschnitt des Buches findet der Leser nochmals allerhand Reitweisenübergreifende Übungen, die das tägliche Training etwas auflockern können. Dabei werden Stangen, Pylonen oder andere Hindernisse, wie Brücken oder ein Tor mit eingebunden. Diese Aufgaben, aus dem Westernbereich (Trail), fördern die Motivation bei Pferd und Reiter und sorgen für etwas Abwechslung.

„Es werden Nervenstärke und gegenseitiges Vertrauen gefordert, um die Übungen durch exakte Bewegung des Pferdes in alle Richtungen (Rückwärtsrichten, Seitgänge) durchführen zu können.“

Es handelt sich also um eine Art Bewährungsprobe, bei der der Reiter ohne große Einwirkung das Pferd dirigieren muss.

Das letzte Kapitel stellt noch ein paar Übungen speziell für Springreiter vor, die ebenfalls das tägliche Training bereichern können.

Fazit:

Insgesamt handelt es sich hier um ein sehr ausführlich beschriebenes und mit viel Liebe und Verstand zusammengestelltes Sammelsurium an sinnvollen Übungen für das Pferdetraining im Sattel. Natürlich wird das Rad hier nicht neu erfunden, viele der Übungen waren mir bereits bekannt. Trotzdem finde ich es gut, dass man hier eine ausführliche Beschreibung der genauen Hilfen, sowie eine Sinnvolle Reihenfolge der Lektionen bekommt. So kann man sich leicht individuelle Trainingseinheiten zusammenstellen, und hat alle Möglichkeiten in einem Buch versammelt. Dabei wird der Leser bei seinem individuellen Ausbildungsstand und dem des Pferdes abgeholt. Jeder Schritt ist sehr ausführlich und bildlich beschrieben, dabei helfen die vielen Skizzen und Fotos beim Verstehen.
Sehr lobenswert ist auch der Aspekt der Reitweisenunabhängigkeit, wobei ich hier sagen muss, dass ein paar Details für Verwirrung sorgen könnten. Genauer gesagt geht es um die Verlagerung des Gewichtes. Lässt man das Pferd unter das Gewicht treten, oder dem Gewicht weichen? Ersteres ist vor allem im Westernbereich das gängige Verständnis, letzteres in der klassischen Reitweise. Wobei das nicht immer so klar getrennt wird. Ich finde dieser Aspekt hätte noch etwas genauer beleuchtet werden müssen, damit der Leser wirklich auf seinem individuellen Trainingsstand abgeholt wird.
Ebenfalls etwas verwirrend empfand ich die Fotos von dem Pferd mit Bosal (z.B. S.3). Die beschriebenen Zügelhilfen lassen sich nicht 1 zu 1 auf die Bosalreiterei übertragen, sodass ein falscher Eindruck entstehen könnte. Das heißt nicht, dass die Übungen nicht mit Bosal geritten werden können, aber trotzdem sollte man dort genauer lesen und kann nicht jede Hilfe, so wie sie da steht, umsetzen.
Bei jeder Übung wird zusätzlich von der Autorin beschrieben, was man tun kann, wenn das Pferd nicht die gewünschte Reaktion zeigt. Dabei sind jeweils ein paar falsche Szenarien und deren Lösung beschrieben. An sich finde ich diesen Einfall sehr gelungen, denn es zeigt gleichzeitig, dass nicht jede Lektion immer sofort gelingen muss. So wird dem Leser bereits vorab geholfen, sich selbst zu überprüfen und ggf. zu korrigieren. Allerdings sind die Lösungen an manchen Stellen zu kurz geraten, sodass man hier gut beraten ist, sich im Zweifelsfall einen kompetenten Trainer dazu zu holen.

Abschließend lässt sich sagen, dass dieses wirklich gelungene Werk keinen Ersatz für guten Reitunterricht darstellt. Wohl aber eine sehr sinnvolle Ergänzung, die allerhand Ideen und Fachwissen bereithält. Ich kann an dieser Stelle ganz klar eine Kaufempfehlung aussprechen, egal ob Anfänger oder Profi.

Infos zum Buch
Originaltitel:Pferde gymnastizieren – 65 Übungen für das tägliche Training
Autor:Ann Katrin Querbach
Verlag: Müller Rüschlikon Verlag
Ort: Stuttgart
Jahr:2015
ISBN: 978-3-275-02032-4

Gebisslos Reiten in Anlehnung…

Ich möchte mich heute einem sehr umstrittenen Thema widmen, das mir besonders am Herzen liegt – das Erarbeiten einer konstanten Anlehnung mit gebisslosem Zaum.

Kurz vorab, auch wenn es an manchem Stellen im Artikel wie ein Angriff auf die Reiter mit Gebiss klingt, so ist es nicht gemeint. Dieser Artikel plädiert ganz klar für die gebisslose Reiterei, allerdings nur wenn diese auch richtig und mit genügend Hintergrundwissen ausgeübt wird. Dennoch sollte niemand verteufelt werden, der mit einem Gebiss reitet. Nicht ohne Grund hat sich dieses Hilfsmittel über Jahrhunderte gehalten. Das Sprichwort – Jede Zäumung ist nur so scharf wie die Hand, die sie führt – passt an dieser Stelle sehr gut. Egal wie man sich entscheidet, den Weg, den man mit dem Pferd einschlägt sollte man immer gut überdenken und vor allem sollte man sich immer so fair dem Pferd gegenüber verhalten, dass man selbst mit gutem Gewissen wieder absteigen kann. Zudem sollten gerade gebisslose Zäumungen mit einer starken Hebelwirkung nicht unterschätzt oder leichtfertig eingesetzt werden. Dennoch hoffe ich, dass ich mit diesem Artikel dem ein oder anderen die gebisslose Reiterei näher bringen kann. Ein sehr gutes Video zum Thema findet ihr hier: Link

Ich argumentiere in diesem Artikel gegen Vorurteile, die besagen, dass eine feine „Anlehnung“ nur in Verbindung mit einem Gebiss möglich wäre. Die Argumentation ist komplett Reitweisenunabhängig – denn eine korrekte Anlehnung stellt für mich die Basis jeglicher Reiterei da und eine wichtige Voraussetzung für die spätere Versammlung, die wiederum fundamental für das Tragen des Reitergewichtes ist. Als Definition für den Begriff Anlehnung empfinde ich die gängige der FN auch auf die gebisslose Reiterei übertragbar:

„Unter Anlehnung versteht man im Allgemeinen „eine stets gleichmäßige, elastische und gefühlvolle Verbindung zwischen der Hand des Reiters und dem Pferdemaul“ (vgl. FN).

Diese stets gleichmäßige, elastische und gefühlvolle Verbindung ist bei einer geeigneten gebisslosen Zäumung ebenfalls möglich. Natürlich besteht die Verbindung nicht zum Pferdemaul, sondern zum Nasenrücken. Diese Körperpartie ist trotz den harten Knochens ebenfalls sensibel und empfindlich genug, um feine Signale zu verstehen.

Der Bereich, auf den wir durch die gebisslose Zäumung einwirken, weist einige Besonderheiten auf:

Pferdeschädel Blanko

  1. Der vordere Bereich des Nasenrückens ist besonders empfindlich. Der dünne Knochen, der die Nasenhöhle schützt kann bei zu starken Druck brechen. Dieser Bereich ist nicht für dauerhafte Belastungen ausgelegt und darf deshalb nicht durch den Nasenriemen belegt werden.
  2. Ebenso empfindlich sind die Nervenausgänge. Sie sollen auch frei von dauerhaftem Druck gehalten werden. Bereits leichte Einwirkung in diesem Bereich erzeugt Schmerzen.
  3. Das Jochbein sollte ebenfalls frei liegen, denn die dünne Hautschicht auf dem blanken Knochen, hält keinem dauerhaften Druck – sei er noch so leicht und sensibel – stand.

Schädel Pferd Lage des Zaums

  1. Diese falsche Position des Nasenriemens kommt häufig durch ein abknicken zustande. Der Riemen hat keine Stabilität. Der vordere Bereich knickt in Richtung empfindlicher Nasenpartie ab. Die Zugbelastung in diesem Bereich kann zu fatalen Schäden und Schmerzen führen. Leider ist das häufig der Fall bei selbstgeflochtenen Sidepulls, aber auch bei falsch verschnallten Glücksrädern oder anderen Zäumungen, die wie ein Sidepull wirken sollen, aber durch einen Ring durchbrochen sind. Western Sidepulls haben deshalb häufig ein Y-Backstück, das ein abknicken verhindert.
  2. Der Riemen knickt nicht ab, ist aber schlicht weg an der falschen Postion verschnallt.
  3. Die optimale Postion des Nasenriemens. Weder die empfindliche Nase, noch die Nervenausgänge sind gefährdet.
  4. Hier verläuft der Riemen über die empfindlichen Nervenausgänge. Es kommt zu einem dauerhaften Schmerz, selbst ohne Zügeleinwirkung. Eine konstanten Anlehnung würde an dieser Postion für unvorstellbare Schmerzen sorgen.

Die Faustregel für einen korrekt verschnallten Nasenriemen:

2 Finger breit unter dem Jochbein und 2 Finger Luft lassen - so sitzt der Riemen richtig!

2 Finger breit unter dem Jochbein und 2 Finger Luft lassen – so sitzt der Riemen richtig!

Was ist eine geeignete Zäumung für die konstante Anlehnung?

1) Hebelwirkung:

Wozu brauch man einfach gesagt einen Hebel? Man benutzt den Hebel um aus wenig Kraft viel Kraft zu generieren. Wenn man beispielsweise einen viel zu schweren Stein bewegen möchte, kann ein Hebel helfen. Warum benutzt man einen Hebel beim Pferd? Bei der klassischen Kandare war der eigentliche Hintergrund, dass der Reiter durch den Hebel einhändig reiten kann. Er kann durch die Kraftverstärkung quasi die gleichen Kräfte aufbringen, wie zweihändig. In der höheren Dressurausbildung geht es hierbei auch um die Versammlung und Beizäumung. Sie erfordert eine Kandarenreife des Reiters:

Der Reiter muss das Pferd mit verschränkten Armen in allen Gangarten reiten können und das ohne Halsring, Stick oder andere Hilfsmittel – allein mit seinem Sitz. Er muss Durchparieren und einen 6m Slalom im Trab reiten können. Erst dann ist er in der Lage ein Pferd einhändig zu stellen und zu biegen. Ist diese Voraussetzung gegeben, stellt die Kandare ein sinnvolles Hilfsmittel dar, um dem Pferd zu mehr Balance für die höhreren Lektionen zu verhelfen. Es spürt ein Ungleichgewicht auf den Laden, wenn es schief wird. Es kommt zu keiner einseitigen Einwirkung, da die Kandare steif im Maul liegt – deshalb wird mit Kandare auch einhändig geritten.

Bei der Gebisslosen Reiterei wirkt der Hebel lediglich als kraftverstärkendes Werkzeug. Manch ein Reiter wünscht sich etwas mehr Einwirkung bei seinem Pferd – gerade für das Reiten im Gelände. Die Angst vor Kontrollverlust steht hierbei wohl im Vordergrund. Doch was passiert wenn ich nun einen mechanischen Hebel bei einem Pferd einsetze, dass in Panik geraten ist? Ich füge ihm dadurch erhebliche Schmerzen auf dem Nasenbein zu. Im ganz schlimmen Fall – bei falscher Verschnallung (siehe oben) – breche ich ihm damit sogar die Nase. Die Reaktionen können je nach Pferdetyp unterschiedlich ausfallen – während das eine Pferd eher resigniert, rennt das andere panisch und wild buckelt weiter. Doch beide Varianten erscheinen ethnisch betrachtet als falsch. Ist das Pferd nicht unser Freund? Wollen wir ihm in einem ungehorsamen Moment tatsächlich derartige Schmerzen zufügen – wenn es auch anders geht? Wer sein Pferd korrekt Gebisslos ausbildet, der brauch keinen Hebel. Vertrauen und eine fundamentale Ausbildung gepaart mit einer Notbremse (Not-Stopp aus dem Bereich des Westernreitens) bilden eine gute Grundlage für die gebisslose Reiterei ohne Hebelwirkung. Dabei wird das Pferd darauf konditioniert, dass bei einseitiger Zügelannahme und gleichzeitiger Nachgabe des anderen Zügels der Kopf rum kommt und das Pferd anhält. Im Grunde ist es nur natürlich, dass das Pferd anhält, wenn der Kopf rum gezogen wird. Man trainiert im Grunde vor allem, dass dies freiwillig und ohne großen Kraftaufwand passiert. Sollte doch mal eine Panik Situation im Gelände entstehen, bei der es dem Reiter nicht möglich ist, normal durchzuparieren, so kann das Kopf rumnehmen ein letzter Ausweg sein. Idealerweise bereit bevor das Pferd sich richtig fest im Hals macht. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass dieser Stopp in 99,9 % der Fälle funktioniert und zwar ohne Gebiss oder Hebel. Schlussendlich muss jeder selbst entscheiden, ob Kontrolle durch Kraft erwirken will oder lieber durch eine ehrliche und faire Ausbildung.

Auch das Glücksrad oder die Flowerhackamore (siehe weiter unten) stellen einen, wenn auch nur leichten, Hebel dar. Jetzt möchte ich allerdings hierzu etwas differenzieren. Ein erfahrener Reiter, der sein Pferd gebisslos bis in die hohe Schule der Dressur reiten möchte, braucht eine sehr gut nuancierte Einwirkung. Damit meine ich Abstufungen in der Kommunikation. Das Glücksrad dreht sich leicht im Uhrzeigersinn und variiert dadurch den Druck auf die Nase. Zudem entsteht auch ein leichter Zug auf die Nackenpartie. Insofern denke ich, dass dieser Zaum durchaus für die Dressurreiterei geeignet ist. Allerdings stehe ich der durchgängigen Anlehnung mit dem LG noch sehr skeptisch gegenüber. Denn trotz leichter, elastischer und gefühlvoller Verbindung, entsteht trotzdem ein feiner Dauerdruck auf die empfindliche Nackenpartie. Zudem passiert es leicht, dass die Wirkung des Hebels unterschätzt und dadurch der Zug auf die Nase zu stark wird. Deshalb gehört diese Zäumung nur in eine geübte Reiterhand, die wirklich gewissenhaft und mit viel Feingefühl den entstehenden Druck nuancieren kann.

2) Nackenriemen:

Wenn ein Nackenriemen notwendig ist, so sollte dieser dem Pferd möglichst angenehm, mit genügend Spiel für die Ohren, sein. Ein anatomisch geformter Riemen, der gut gepolstert und weich ist, sollte hierbei die erste Wahl sein. Das gilt nicht nur bei Trensen mit Gebiss, sondern auch bei dem idealen gebisslosen Zaum. Gute Beispiele sind bei Großkorth und Barefoot zu finden.

3) Ganaschen-Riemen:

Ein zusätzlicher Ganaschen-Riemen verhindert, dass sich das Kopfstück gefährlich dem Auge nähert. Je nach Material des Nasenriemens, kann dieser bei einseitigem Zug verrutschen. Das ist bei manchen Lektionen sogar gefordert. Deshalb ist es umso wichtiger, dass nicht das komplette Kopfstück mit rutscht.

4) Nasenriemen:

Der Nasenriemen sollte möglichst formstabil und aus einem Stück sein. Jegliche Unterbrechung des Riemens macht eine zu feste Verschnallung notwendig – damit ein Abknicken (siehe oben) verhindert wird. Die zu feste Verschnallung wiederrum schränkt das Pferd zu sehr ein, es kann nicht entspannt abkauen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass der Riemen trotz lockerer Verschnallung (2 Finger Luft lassen) fest an Ort uns Stelle sitzt. Zumindest, wenn es um das Reiten in Anlehnung geht.

seitliche Flexibilität ist okay - aber ein Abknicken des Riemens nach vorn, sollte nicht möglich sein

seitliche Flexibilität ist okay – aber ein Abknicken des Riemens nach vorn, sollte nicht möglich sein

Das Material ist abhängig von dem Ziel. Bei einer Impulsreitweise – ohne konstanten Druck – kann das Material auch etwas härter sein, wie bsp. Rohhaut. Bei einem konstanten Kontakt empfiehlt sich eher ein weiches Leder, das sich am Kopf anschmiegt und nicht unangenehm anfühlt. Der Riemen kann gepolstert sein, wichtig sind vor allem die abgerundeten Kanten. Alle Materialien die Scheuern können, wie Seil oder auch Flechtwaren oder manche Biothane Produkte sind ungeeignet für konstanten leichten Zügelkontakt.

Als gute gebisslose Zäumungen für das Reiten in konstanter Anlehnung eignen sich unter Beachtung der oben beschriebenen Kriterien vor allem Lindel-artige Sidepulls, bzw. hochwertige Sidepulls mit weichen Lederriemen.

Andere gebisslose Zäumungen und die Anlehnung:

Natural Hackamore / Knotenhalfter

Die Natural Hackamore besteht aus einem speziell geknoteten Knotenhalfter. Die Zügel bestehen meist aus einem Seil und werden unter dem Pferdekopf befestigt. Diese Zäumung ist an der schärfe ihrer Einwirkung nicht zu unterschätzen. Die Knoten werden wie bei allen Knotenhalftern bewusst auf die Nervenausgänge am Pferdkopf gelegt. Somit entsteht bei Druck automatisch auch ein starker Schmerz. Diese Zäumung ist eher für die Impulsreitweise und das Nackreining ausgelegt und nicht für eine dauerhafte Anlehnung geeignet

Klassische Hackamore / Bosal

Die klassische Hackamore, auch Bosal genannt besteht aus einem steifen Nasenband aus Rohhaut gefertigt und einem speziellen Genickstück. Die Zügel werden unter dem Kinn, die beiden Enden des Nasenbands zusammenkommen, zu einem Knoten zusammengebunden. Zusätzlich wird ein langes, Seil befestigt, das auch Mecate genannt wird. Dieses Seil fungiert als Führseil und ermöglicht das Pferd via Neck Reining zu steuern. Das Bosal wirkt diagonal, d.h. wenn der Zügel rechts angelegt wird, wirkt es auf der linken Seite. Das Pferd wird also über eine seitlich laterale Zügelführung gestellt. Mit dem Bosal ist keine konstante Anlehnung möglich. Das heißt aber nicht, dass man mit einem Bosal nicht fein und versammelt reiten kann. Durch Signale über das Mercate werden Impulse an Kinn und Nase abgegeben und dadurch rotieren die Nosebuttons. Diese Einwirkung soll ein Nachgeben im Nacken bewirken und schließlich zur Versammlung führen. Die Zügel dürfen nicht komplett durchhängen, weil das Bosal sonst beginnt unschön zu reiben, so entsteht im Grunde auch eine gewisse Anlehnung. Diese gebisslose Zäumung ist allerdings sehr anspruchsvoll und erfordert ein hohes Maß an Feingefühl und technisches Verständnis. Mehr dazu…

Meschanische Hackamore

Die mechanische Hackamore besteht aus zwei Metallhebeln, die über einen Lederriemen auf die Nase wirken. Die Länge der Anzüge bestimmt den Grad der Kraftverstärkung. Allerdings wirken bereits kurze Anzüge sehr intensiv. Die mechanische Hackamore wird nur einhändig geritten. Eine einseitige seitwärtsweisende Hilfe ist nicht möglich.

Mehr dazu weiter oben.

Bitless Bridle

Das Bitless Bridle hat zwei dünne Seile, die als doppelte Kehlriemen fungieren, die sich unter dem Kopf des Pferdes überkreuzen und dann durch Ringe an der Seite der Zäumung geführt werden. Die Zügel hängen dann an diesen Seilen. Durch die überkreuzte Verschnallung wirkt es diagonal, d.h. leichter Zug rechts, wirkt auf der linken Seite. Insgesamt wird Druck auf Kinn/Kiefer, Ganasche, Nasenrücken und Genick ausgeübt. Das Pferd soll lernen auf leichten Druck hin nachzugeben. So soll der Kopf gesenkt und durch seitlichen Druck auf die Ganaschen Stellung und Biegung erreicht werden. Dieser Druck erfolgt möglichst sanft durch leichte Impulse. Nicht alle Pferde und Reiter kommen sofort mit der überkreuzten Wirkung klar, sodass Hilfen manchmal zu verzögert oder gar schwammig ankommen. Durch die kreuzenden Seilstränge können mitunter Haut und Haare eingeklemmt werden, was sich nachteilig auswirkt.

Glücksrad / Flower Hackamore

Das Glücksrad (LG Zaum) wurde von ursprünglich von Monika Lehmenkühler entwickelt. Später folgten zahlreiche Nachahmungen mit einer ähnlichen Wirkungsweise wie beispielsweise die Flower Hackamore. Das Grundprinzip ist ein sich drehendes Speichenrad, das einen leichten Hebeleffekt erzeugt, durch welchen sich der Nasenriemen, das Kinnstück sowie das Genickstück verkürzen. Dadruch wird auf Nase, Kinn und Genick des Pferdes ein leichter Druck ausgeübt, der den Pferden wiederum präzise Zügelhilfe vermitteln soll. Diese Zäumung gehört nur in erfahrende Reiterhände (siehe weiter oben).

Wie funktioniert die Anlehnung?

Ein leichter, konstanter und vor allem elastischer Kontakt mit dem Pferd über den Nasenrücken, der mit der Bewegung des Pferdes geht. So entsteht eine sanfte Verbindung, die wiederum eine feine Kommunikation über leichte Paraden zulässt. Das Pferd kann und entspannt am Zügel stehen. Die gebisslose ist eine ehrliche Anlehnung ohne Schmerz oder Behinderung des Pferdes im Maul. Wer das nicht glaubt, kann gerne den Selbsttest machen:

1) übe mit deinem Finger leichten Druck auf deinen Nasenrücke aus und erhöhe Stück für Stück den Druck.

2) nun übe denselben Druck mit beiden Fingern auf deine Mundwinkel und Zunge aus.

Du wirst merken, dass die Mundpartie deutlich empfindlicher ist und bereits leichter Druck als unangenehm empfunden wird. Die Nase ist deutlich robuster und es bedarf mehr Kraftaufwand, um Schmerzen zu erzeugen. Was natürlich nicht heißt, dass es nicht geht. Deshalb erfordert auch das gebisslose Reiten eine ruhige und geübte Reiterhand und einen sehr guten und zügelunabhängigen Sitz. Zudem ist die korrekte Verschnallung und die Auswahl des geeigneten Zaumes eine wichtige Grundvoraussetzung.

Argumente gegen das gebisslose Reiten in Anlehnung:

1. Argument für ein Gebiss – Flexibilität im Unterkiefer:

„Um die Nachgiebigkeit im Unterkiefer zu erklären, benötige ich aber ein Gebiss. Deswegen gehen bei mir alle Pferde früher oder später mit Trense und bleiben nicht ewig gebisslos geritten. Das hat nichts mit Kontrolle zu tun, sondern mit der Flexibilität des Unterkiefers“ Trainerin Anne Hartwig auf Ihrer Facebookpräsenz

Die Mobilisierung des Unterkiefers wird im Pferdetraining, als auch in physiotherapeutischer Behandlung zur Entspannung der Muskulatur eingesetzt. Beim Reiten soll ein entspannter Unterkiefer dazu beitragen, dass der komplette Nackenbereich entspannt nachgeben kann. In der Physio- und Osteotherapie gibt eine bestimmte Form der Kiefermassage, die eine komplette Entspannung hervorruft. Dabei wird sanfter Druck auf die Kieferlade und das Zungenbein ausgeübt. Das Gebiss soll nun einen ähnlichen Effekt bewirken. Allerdings bezweifle ich stark, dass ein Metallgebiss, selbst bei ruhiger und geübter Zügelführung einen Massageeffekt bewirkt. Vielmehr handelt es sich trotz allem um einen Fremdkörper, der zwar bei einem an das Gebiss gewöhnten Pferd, geduldet, aber sicher als entspannend und angenehm empfunden wird. Eine gebisslose Zäumung hat keine direkte Einwirkung auf den Unterkiefer, allerdings kann im Gesamtkonzept angenommen werden dass sie insgesamt angenehmer zu tragen ist. Bei sachgemäßer Anwendung und korrekter Ausbildung des Pferdes ist das Ziel, dass es freiwillig nachgibt und entspannt abkaut, weil es zufrieden ist und sich wohlfühlt. Ein „erzwingen“ des Nachgebens im Nacken ist nahezu unmöglich. Wer schon einmal ein gut gebisslos gerittenes Pferd gesehen hat, der hat sicher auch bemerkt, dass dieses trotz des fehlenden Gebisses entspannt kaut. Der große Unterschied besteht darin, dass beim Gebisslosen kein Fremdkörper im Maul das Kauen animiert, es muss also durch eine ehrliche und tatsächliche Entspannung entstehen.
Bei falscher Anwendung des Gebisses, d.h. zu starke Einwirkung, wird das komplette Gegenteil erreicht:
Durch starken Zug in den Maulwinkeln des Pferdes entsteht mitunter eine übermäßige Beugung in den Kopfgelenken (vgl. Richter, 2013, – Manuelle Therapie der Pferdewirbelsäule, S.52). Dabei knicken Atlas und Axis extrem ab und die dünnen Nackenmuskeln stehen unter Dauerspannung (vgl. ebd.). Verspannungen und starke Schmerzen sind die Folge.

2. Argument für ein Gebiss – der Weg nach unten V/A:

Vom V/A zur Versammlung

Vom V/A zur Versammlung

Ich konnte keine logische Erklärung für dieses Argument während meiner Recherchen finden. Vom Grundverständnis her… Das Pferd soll auf leichten Druck mit dem Kopf nachgeben. Es soll sich entspannt zunächst V/A senken und dann später in eine kontrollierte Aufrichtung übergehen, die eine konstante und leichte Anlehnung ermöglicht. Dabei muss es etwas im Nacken nachgeben. Dieses Prozedere bereitet man möglichst schon vom Boden aus vor und ruft es dann zu gegebener Zeit im Sattel ab. Doch warum sollte das nur durch Druck auf den Kiefer möglich sein? Ich kann meinem Pferd genauso gut beibringen auf leichten Druck auf der Nase zu reagieren.
Gehen wir noch ein Stück tiefer in die Materie. Wozu erarbeiten wir die Anlehnung? Die konstante Verbindung zum Pferd schafft eine erste Basis der feinen Kommunikation. Wir erarbeiten uns aus der Anlehnung die korrekte Stellung des Kopfes und schließlich die Biegung des Körpers auf der Kreisbahn. Dadurch wird unser Pferd ausbalanciert und trittsicher. Durch das V/A Reiten erarbeiten wir uns eine entspannte Kopfhaltung und dehnen bereits den langen Rückmuskel. Dadurch wird die notwendige Stabilität und Muskulatur aufgebaut, die das Pferd brauch, um den Reiter zu tragen. Im Anschluss versuchen wir die bereits stark belastete Vorhand zu entlasten, in dem wir die Hinterhand aktivieren und animieren mehr Last aufzunehmen. Als letztes möchten wir gern, dass das Pferd lernt sich selbst zu tragen. Wir erarbeiten uns eine Versammlung, in dem der Kopf nun in einer leichten Aufrichtung getragen wird. Der Rücken wird dabei aufgewölbt und ist nur so stark genug, um den Reiter langfristig und gesunderhaltend zu tragen. Ohne Anlehnung wird dem Reiter die Versammlung nie gelingen. Vom Boden aus kann man bereits alle einzelnen Schritte wunderbar vorbereiten: eine schwungvolle Hinterhand, einen aufgewölbten Rücken und eine dazu passende Stellung des Kopfes – in ehrlicher und selbsttragender – und für das Pferd angenehmer dezenter Aufrichtung  (vgl. Richter, 2013, – Manuelle Therapie der Pferdewirbelsäule, S.52). Im Anschluss lässt sich das erlernte prima in den Sattel transferieren. Das Pferd merkt schnell, dass die vorgeschlagene Haltung viel angenehmer ist, um den Reiter zu tragen.

3. Vorurteil – meist legt sich das Pferd nur auf den Zügel anstatt einer wirklichen Anlehnung (vgl. Sladky, 2010)

Dieses Phänomen ist durchaus berechtigt, allerdings nicht nur in der gebisslosen Reiterei. Auch die Gebissreiter  kennen dieses Problem. Im Allgemeinen wird das Verhalten durch stetiges Vorwärtstreiben korrigiert. Zudem werden die Zügel nachgeben, damit sich das Pferd V/A strecken kann. Man spürt in der Regel den Unterschied zwischen Anlehnung und Ablegen sehr deutlich. Legt sich das Pferd auf den Zügel, dann entsteht ein starker Zug. Zudem spricht es nur schwer oder gar nicht auf Hilfen an. Anlehnung hingegen ist immer fein – man hat nicht „viel in der Hand“ sondern lediglich einen dünnen Kontakt zum Pferdekopf. Feine Hilfen kommen durch – das Pferd ist im Allgemeinen Durchlässig. Kann man diesen Unterschied fühlen, so ist es ein leichtes daran zu arbeiten. Egal ob mit oder ohne Gebiss. Die Profis der gebisslosen Reiterei haben eine Fülle von Tipps parat, die bei der echten Anlehnung und der späteren Versammlung helfen. Dabei kann ich folgende Bücher empfehlen:

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Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung von Karin Hufschmid – vielen Dank für die vielen wertvollen Hinweise und Ansätze.

Immer nur Fressen? Zwischen Motivation und Konsequenz beim Pferdetraining im Gelände

Wer kennt das Problem nicht… gerade im Frühjahr wenn die Zeit des Anweidens beginnt und überall das saftig grüne Gras empor sprießt, gerade dann verlockt die leckere Versuchung. An einen entspannten Spaziergang oder gar richtige Arbeit im Gelände ist kaum noch zu denken – ist man doch vielmehr damit beschäftigt den Kopf immer wieder nach oben zu verfrachten. Oder hat man längst resigniert und lässt sich einfach teilnahmslos von Grasbüschel zu Grasbüschel schleifen…? Vielleicht habe ich den ein oder anderen Nerv getroffen, oder aber ihr kennt das Problem gar nicht oder habt bereits eure eigene Strategie damit umzugehen. Was ich euch in diesem Artikel gerne beschreiben möchte, ist eine Strategie das saftige Grün in eure Arbeit mit einzubauen – ja es gar als Motivationshilfe zu nutzen.  Ich selbst bin ein Verfechter des Futterlobs, denn nichts ist entspannender für ein Pferd als zu kauen – und da kommt uns das Gras zu gute. Allerdings sage ich gleich vorab, dass sich dieser Ansatz nicht für Pferde eignet, die aus welchem Grund auch immer auf Diät sind und kein Gras fressen dürfen. Was könnt ihr damit erreichen?

  • Entspannte Spaziergänge über eine Wiese, ohne lästige Fressversuche
  • Konzentrierte Arbeit im Gelände – ohne Fressversuche
  • Ausreiten – ohne dass der Kopf ständig und unvermittelt nach unten schellt
  • Ein motiviertes Pferd, dass die Arbeit im Gelände mit euch gemeinsam genießt
  • Anweiden in das Training gekonnt mit einbauen.

Kurz noch einmal vorab – übt bitte auf einer Wiese, auf welcher ihr die Erlaubnis dafür habt. Je höher und verlockender das Gras, desto besser für das Training – jedoch ärgerlich für den Bauern, falls er damit Heu machen möchte. Deswegen bitte vorab fragen 🙂

Was brauche ich dafür alles? Zunächst starte ich selbst mit einem gut sitzenden Knotenhalfter und einem etwa 3 m langen Strick. Zusätzlich verwende ich zunächst eine kurze Gerte, die schön leicht ist für unterwegs und mir als verlängerter Arm und Touchierhilfe dienen soll.

Das Vorgehen gliedert sich in 3 Phasen:

  • Einführung von 2 Kommandos: Wiese erlaubt das Fressen – Stimmkommando und Geste nach unten. Weiter beendet das Fressen kontrolliert und unmittelbar. Hierbei könnt ihr euch die konkreten Wörter natürlich selbst aussuchen. Wichtig ist wie bei jeder Lektion, dass ihr bei einem Kommando inkl. der dazugehörigen Körpergeste bleibt. Auch ist es von Beginn an wichtig, dass unmittelbar auf das Kommando eine Reaktion des Pferdes erfolgt. Gerade das Kommando Wiese ist dabei meist sehr schnell etabliert und wird gerne vom Pferd angenommen. Das Kommando Weiter ist da schon etwas schwieriger. Gleich vorab  – Tauziehen mit dem Pferdekopf ist hierbei der falsche Weg, um das Fressen zu beenden. Hierbei schaue ich mir sehr gerne an, wie innerhalb der Herde ranghöhere Pferde andere vom Fressen abhalten. Dies gescheit über zwei Wege – a) Körpersprache –gezieltes und dominantes Entgegentreten b) das Zwicken vor allem im hinteren Bereich des Körpers. Das machen wir uns zu Nutze und kopieren dieses Zwicken in Form von gezieltem touchieren mit der Gerte im hinteren Bereich und straffen loslaufen, idealerweise bringt man das Pferd beim Loslaufen etwas aus dem Gleichgewicht, indem man die Laufrichtung etwas ändert – das hilft vor allem am Anfang. Hier gilt der Grundsatz am Anfang ruhig so energisch wie möglich und je schneller und besser das Pferd reagiert, desto feiner wird die Hilfe. Irgendwann reicht das Kommando Weiter vollkommen aus und das Pferd läuft direkt los. Zum Üben der Grundkommandos reicht es zunächst über eine Wiese zu laufen und im Wechsel das kontrollierte Fressen mit dem Abbruch zu üben. Während der Laufphase ist es wichtig, dass man unerwünschtes Fressen konsequent und unmittelbar unterbindet. Auch dafür kann die Gerte genutzt werden, ein kurzer und effizienter Einsatz der Gerte ist viel verständlicher und natürlicher für das Pferd, als ein Tauziehen am Pferdekopf.
  • Das Einbinden von anderen Übungen in das Training: Hierbei sind eurer Kreativität keine Grenzen gesetzt. Alle Übungen, die ihr in der Bodenarbeit kennt und könnt, können nun im Gelände trainiert werden. Dabei wird zunächst immer erst eine Übung durchführt und bei korrekter Umsetzung durch eine kurze Fresspause (2-3 sek.) belohnt. Am besten fängt man hier mit leichten Übungen an, damit das Pferd bereits zu Beginn viele positive Erlebnisse hat. Wichtig ist, dass kontrolliert das Fressen eingeleitet und konsequent beendet wird. Beim Beenden kann man ruhig ein paar Laufschritte einbauen, bevor man zur nächsten Übung wechselt. In diesem Schritt merkt man schnell, wie das Pferd, durch die gezielte Befriedigung des Bedürfnisses das leckere grüne Gras zu fressen, zunehmend motivierter wird.
  • Im dritten Schritt verlängert man die Abstände zwischen den Übungen indem man ganz entspannt spaziert. Zwischendurch ruft man eine Übung ab und belohnt kurz und weiter geht’s. Durch unterschiedlich lange Abstände zwischen Belohnung und Abrufen einer Aufgabe erhält man das Aufmerksamkeitslevel, ohne dass das Pferd jedoch permanent versucht sich anzubieten. Es merkt schnell, dass es keinen Einfluss darauf hat, wann eine Übung gefordert wird und wartet geduldig ab, bis es soweit ist.

Dieses Grundprinzip kann man nun auch auf andere Bereiche Anwenden, wie beispielsweise beim Longieren, beim Reiten oder bei der Lösung von speziellen Problemen. Der einzige Nachteil ist, im Winter muss man dann wieder auf die herkömmlichen Leckerlies zurückgreifen 😀

Ich persönlich finde an diesem Ansatz gut, dass eine eigentlich als negativ verrufene Unart – das Fressen – zum positiven umfunktioniert wird. Somit gibt man dem Pferd trotz Training erneut ein Stück natürliches Verhalten zurück – denn es darf tun, was es ohne uns auf der Wiese auch tun würde – nur eben erst dann, wenn wir es als Leittier bestimmen. Ich freue mich auf eure Meinung zu dem Thema 🙂